Handelsblatt-Reportage: Fischer, der Enttrohnte

Deutschland
Handelsblatt-Reportage: Fischer, der Enttrohnte

Da steht er hinter dem meterhohen, hässlichen grünen Wandvorhang, leicht nervös und wartet. Wenn er den Vorhang nur ein klein wenig zur Seite schiebt, kann er die Nordrhein-Westfälischen sehen, unten im biederen Saal des Kölner Veranstaltungszentrums Gürzenich, wie sie sich in Wahlkampfstimmung versetzen wollen.

„Routineauftritt“, hätte Joschka Fischer noch vor wenigen Wochen gesagt. Als Außenminister hat er schon vor ganz anderen, gewichtigeren Gremien geredet – etwa im Uno-Sicherheitsrat in New York, als es um Krieg und Frieden im Irak ging.

Und doch steht er vor 20 der wichtigsten Minuten seiner Karriere. Schuld ist ein Wort mit vier Buchstaben: „Visa“.

Zweimal hat er dazu in den vergangenen Wochen Auftritte verpatzt, einmal bei einem zu weinerlichen Wahlkampfauftritt in Kiel, einmal bei einem zu burschikosen „Ich-übernehme-die-Verantwortung-und-jetzt-zurück-zur-Tagesordnung“-Bekenntnis in Berlin. Jetzt muss er überzeugen.

Das weiß Fischer, als er endlich aus der hinteren Ecke der Bühne zum Pult hinunterschreitet. Und das scheinen auch die Landesdelegierten zu wissen. Tosender Applaus als Aufmunterung für „ihren Joschka“ setzt ein, die Leute springen auf. In den USA hätte bei ähnlichen Auftritten eine Fanfare eingesetzt, hätten Scheinwerfer auf den Redner geschwenkt.

Doch in Köln gibt es nichts zu feiern, Fischer kommt nicht mehr als Triumphator – der grüne Übervater ist angeschlagen. Erstmals seit Jahren, das wissen alle im Saal, ist er nicht mehr beliebtester Politiker Deutschlands. Die Affäre um den Visa-Missbrauch in der Ukraine nagt an seinem Image, schlimmer noch: an dem seiner Partei.

Der kontrollierte Abstieg zum Rednerpult soll den politischen Fall ins Bodenlose stoppen. „Fehler einräumen und gleichzeitig in die Offensive gehen“, lautet die Mission.

Die wichtigsten Sätze hat er sich vorsichtshalber auf einem Zettel notiert, ungewöhnlich für einen der besten Rhetoriker der Republik. Doch die neue Bescheidenheit ist für den sonst so Lautstarken ungewohnt. Er beginnt die Rede so leise, dass „Lauter, lauter!“-Rufe ertönen.

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