Handelsblatt-Reportage Merkels Mann fürs Feine

Früher war der CDU-Generalsekretär für die grobe Arbeit zuständig. Lesen Sie hier, warum Ronald Pofalla nun im Namen der Kanzlerin einen anderen Weg geht.
  • Maximilian Steinbeis
Bundeskanzlerin Angela Merkel unterhält sich mit dem Generalsekretär der Union, Ronald Pofalla. Foto: dpa

Bundeskanzlerin Angela Merkel unterhält sich mit dem Generalsekretär der Union, Ronald Pofalla. Foto: dpa

BERLIN. Ronald Pofalla druckst ein wenig herum: „Ich will dem Mann nicht zu nahe treten“, sagt der CDU-Generalsekretär, aber er sei schon einer, „zu dessen zentralen Eigenschaften nicht die grundsätzliche Überlegung zu zählen scheint.“ Der so Beschriebene ist Kurt Beck, der SPD-Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, den die CDU am Sonntag stürzen will.

Viel mehr als das hat Pofalla an Beck aber nicht auszusetzen. Stattdessen erzählt er über die Erfolge der großen Koalition, während sich im evangelischen Gemeindesaal im pfälzischen Lauterecken Gemütlichkeit breit macht. 30 grauhaarige Damen und Herren sitzen an langen Tischen, löffeln Sahnetorte und schenken sich aus beige Thermoskannen Kaffee nach. Gut schmeckt er, der Kuchen. Selber gebacken, sagt die örtliche Direktkandidatin stolz.

So sieht es aus, wenn die CDU Wahlkampf macht in diesen Tagen: Kleine Spitzen sind erlaubt, mehr nicht. Ansonsten ist Harmonie oberste Pflicht. Und bricht doch einmal Krawall aus, wie beim ewigen Reizthema Kündigungsschutz, dann ist Pofalla der Mann, der das Ende der Kampfhandlungen ausruft. Der Generalsekretär.

Es gab einmal Zeiten, da war der General der Mann fürs Grobe. Der Chefpolarisierer. Laurenz Meyer konnte das gut, Angela Merkels Oppositionsgeneral. Auch Helmut Kohls wackerer Pastor Peter Hintze. Von der Legende Heiner Geißler ganz zu schweigen. Das waren aber auch andere Zeiten.

Jetzt ist große Koalition. Die CDU regiert, die SPD ebenfalls, und beide sind nahezu gleich stark. Viele Warnungen hatte es vor dem Wahlkampf gegeben: Die Partei werde ihr Profil verlieren, vor lauter Kompromiss werde der Wähler das Gefühl dafür verlieren, was die CDU von der SPD unterscheidet.

Pofalla ist ein Merkel-Mann. Foto: dpa Quelle: dpa

Pofalla ist ein Merkel-Mann. Foto: dpa

(Foto: dpa)

Kanzlerin ist aber die CDU-Chefin Merkel. Ob es gut läuft oder schlecht, verantwortlich gemacht wird dafür die Regierungschefin und mit ihr die CDU. Polarisieren? Pofalla zuckt mit den Achseln. „Die CDU wird am Schluss erfolgreich sein, wenn wir unsere Reformvorhaben hinkriegen. Warum sollte ich meine Zeit auf Angriffe verwenden?“

Pofalla ist ein Merkel-Mann. Die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende hatte den einstigen Fraktionsjustiziar in ihren inneren Kreis geholt und nach der Wahl zum Generalsekretär gemacht. Man verstehe sich blind, sagt Pofalla mit seiner sanften, etwas näselnden Stimme. „Manchmal weiß ich genau, wie sie denkt, worauf sie Wert legt.“

Wie man als Partei eine große Koalition überlebt, kann man vielleicht von den Österreichern lernen. Die Gelegenheit dazu hatte Pofalla kürzlich in der österreichischen Botschaft. Thema des Abends: „Politik als Inszenierung“. Der CDU-Generalsekretär, im schwarzen Anzug, weißes Hemd, die Hände vor der Brust gefaltet, saß Josef Cap gegenüber, dem Fraktionschef der österreichischen Sozialdemokraten. Ein magerer Wiener, rosa Hemd, die Krawatte schillernd wie eine Ölpfütze. Mit Wiener Schmäh pries Cap die Vorzüge des politischen Showeffekts. „Ich war sieben Jahre in der großen Koalition Bundesgeschäftsführer“, sagte Cap und bot Pofalla seinen Rat an: „Rufen’s mich doch an!“

Pofalla blieb ungerührt. „Ich lehne politische Inszenierungen ab“, sagte er kühl. Sich um der Wirkung willen zu streiten sei angesichts der Probleme des Landes unangemessen. Dem Österreicher verschlug es die Sprache: „Na, gehen’s“, ruft er, „ich stehe unter Schock!“ Angie-Schilder hochhalten, Stones-Hymnen abspielen – „auf all das wollen Sie verzichten? Hören’s auf!“

Ist Pofallas Friedfertigkeit Temperament oder Methode? „Zehn Prozent Temperament“, sagt er, „neunzig Prozent Methode.“ Er sei „nicht der klassische CDU-Mann“. Kein Gremiensitzer, kein Kumpeltyp. In keiner Rede vergisst er zu erwähnen, dass er vom Niederrhein stammt. Wo Deutschland am flachsten ist. Über den zweiten Bildungsweg hat er Abitur gemacht, Sozialpädagogik gelernt, Jura studiert.

Ende Februar, auf dem CDU-Wertekongress, hat er mit einem sehr persönlichen Satz überrascht: Sein Vater, von dem er oft und liebevoll spricht, sei mal arbeitslos gewesen. Ein Holzfacharbeiter, ein einfacher Mann. Da habe er erlebt, was das mit den Menschen mache, keinen Platz in der Gesellschaft zu haben. Das zentrale Problem sei die Arbeitslosigkeit, „die größte soziale Ungerechtigkeit, die wir in Deutschland haben“. Seine Aufgabe als Generalsekretär, sieht Pofalla so: Er müsse der CDU ein neues Grundsatzprogramm geben und ansonsten „im Konkreten zur Lösung von Problemen der Bundesregierung beitragen“. Polarisieren, das nützt vielleicht der Partei. Die Bundesregierung kann das nicht gebrauchen.

Einer, der das genauso sieht, ist beispielsweise Hessens Ministerpräsident Roland Koch: Die Koalition müsse erst einmal umsetzen, was sie sich vorgenommen hat. „Wenn sie das gut macht, lässt sich auch wieder vernünftiger streiten, weil das Vertrauen in Politik dann wieder steigen wird.“ Aber, fügt Koch hinzu: „Es darf nie der Eindruck entstehen, wir Christdemokraten hätten nicht mehr Ideen als das, was jetzt gemeinsam möglich ist.“

Die Partei wird nicht mehr lange warten müssen. Wenn die Wahllokale am Sonntag schließen, wird sie die Lust am Streiten wiederentdecken. Und Pofalla? Auch der wird wieder angreifen müssen, glauben viele. Denn mit Grundsatzdebatten allein sei der steigende Druck in der Partei nicht einzufangen.

Noch ist aber Wahlkampf: Am Abend tritt er in Waldfischbach-Burgalbern auf, anderer Kreisverband, gleiches Thema. Seine Angriffe gegen Kurt Beck fallen etwas schärfer aus, aber die meiste Zeit referiert er wieder über die Erfolge der Bundesregierung. Ganz am Schluss fällt ihm noch ein Grund ein, warum CDU-Kandidat Christoph Böhr Ministerpräsident werden muss in Rheinland-Pfalz. Dann könnten im Jahr der Fußball-Weltmeisterschaft die CDU-Ministerpräsidenten eine eigene Mannschaft bilden, „und Edmund Stoiber könnte als Zwölfter erster Ersatzspieler sein“. Damit landet er doch noch einen richtigen Lacher.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%