Handelsblatt-Reportage
Warum Stiftungen so populär sind

Armin, Norbert und Alfred Talke sind es leid, leid, ihren Geschäftspartnern alle Jahre wieder Weihnachtsgeschenke zu machen, leid, 20 000 Euro für Fresskörbe, Wein oder – wie vergangenes Jahr – für eine Sporttasche mit Badetuch auszugeben, leid, dafür wenig Dank zu erhalten. Und deshalb gehen Vater, Onkel und Sohn jetzt stiften.

HEIDELBERG/HÜRTH. Die Talkes, Geschäftsführer des gleichnamigen Transportunternehmens für Chemikalien aus Hürth bei Köln, gründeten vergangene Woche mit 50 000 Euro eine Stiftung. Der Name „Light“ steht für „Live in greater hope for tomorrow“. Der Zweck: Aufbau eines Kinderheims in Wolgograd, Russland.

Das Engagement der Familie Talke ist ein Beispiel dafür, dass der Begriff Stiftung nicht automatisch gleichbedeutend ist mit einem blickdichten Steuersparmodell in Liechtenstein oder als Schutzschild vor einer feindlichen Übernahme dient. Im Gegenteil: Stiften für wohltätige Zwecke ist populär, vor allem unter Unternehmern. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der jährlichen Stiftungsneugründungen auf 800 verdoppelt. Insgesamt stieg die Zahl der Stiftungen auf über 12 000, die nach Schätzungen des Bundesverbands Deutscher Stiftungen ein Vermögen von rund 50 Milliarden Euro verwalten.

Gläubige, Visionäre, Wohltäter, Steuerexperten – die Motive, stiften zu gehen, sind vielfältig. Noch bunter sind deren Zwecke: Sie reichen von der Hilfe für Kinder in Not über die Förderung von Kunst und Wissenschaften bis zum Tierschutz. „Stifter besetzen eine soziale Marktlücke und bringen ihr unternehmerisches Know-how ein“, sagt Magda Weger, Geschäftsführerin des Instituts für Stiftungsberatung in Verl. Oft sei persönliche Betroffenheit der Auslöser.

So auch bei den Talkes, die durch Besuche bei Tochtergesellschaften die Verhältnisse in Osteuropa kennen. „Die Kinderarmut ist erschreckend“, berichtet Alfred Talke junior, zeigt Fotos, faltet Baupläne auseinander: In einer russischen Villa aus den 1920er-Jahren soll ein Kinderheim entstehen. Doch das Haus ist noch eine Ruine: Bauschutt überall, hohe, leere Fenster, ein undichtes Dach. Talkes blaue Augen leuchten dennoch, sehen die Kinder schon durch das fertige Heim toben. Im Februar will er wieder nach Wolgograd reisen.

Reine Wohltäter aber sind die wenigsten Stifter. Viele nutzen die Institution als Marketing-Instrument. Auch die Talkes verweisen im Briefkopf darauf, dass „Light“ eine „Talke group foundation“ ist. „Der positive Imagetransfer einer gemeinnützigen Einrichtung ist kaum zu überschätzen“, sagt Jörg Martin, Geschäftsführer der Deutschen Stiftungsagentur in Neuss.

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