Handelsblatt-Streitgespräch
„Wir müssen die soziale Marktwirtschaft erklären“

Wie kann die Institution Schule Wirtschaft vermitteln und welcher Reformen bedarf das deutsche Bildungssytem? Im Handelsblatt-Streitgespräch diskutieren der Präsident des Lehrerverbandes, Josef Kraus, und IW-Chef Michael Hüther über Bildung.

Handelsblatt: Die Finanzkrise hat Deutschland voll im Griff. Ist das in der Schule ein Thema?

Kraus: In den höheren Jahrgangsstufen ist das natürlich ein Thema. Wenn der Lehrer die Finanzkrise nicht anspricht, fragen die Schüler nach. Die Krise muss in der Oberstufe auf jeden Fall in Geschichte, Politik oder Wirtschaft besprochen werden. Außerdem sollten Lehrer die Jugendlichen motivieren, sich selbst in Ökonomie schlau zu machen, durch Zeitungen oder Fernsehen. Aber alles in Maßen. Es geht mir darum, die Schüler nicht verrückt zu machen, so dass sie nach Hause kommen und sagen, 2009 wird eine Katastrophe.

Herr Hüther, reicht das?

Hüther: Die Finanzkrise ist eine besondere Herausforderung, wir haben sie ja selbst noch nicht vollständig verstanden. Es ist ein aktuelles Thema, dass in die Schule gehört, aber kein einfaches. Zu solchen komplexen Ereignissen kann man nicht von heute auf morgen Unterrichtsmaterial erstellen. In der Schule sollte es nicht um Prognosen über die wirtschaftliche Lage gehen, sondern um die Grundlagen der sozialen Marktwirtschaft. Wer die Wirtschaftsordnung nicht versteht, neigt dazu, sie in der Krise anzuzweifeln. Deswegen sollte der Unterricht nicht nur aktuelle Ereignisse wie die Finanzkrise begleiten, sondern vielmehr die Frage klären: Was heißt soziale Marktwirtschaft?

Nicht in allen Bundesländern gibt es das Fach Wirtschaft, um diese Themen zu besprechen. Brauchen wir also nicht ein Schulfach Wirtschaft bundesweit, so wie Mathe und Deutsch?

Hüther: Es kommt mehr auf die Inhalte an und die können auch in anderen Fächern unterrichtet werden. Das Thema Wirtschaftsordnung zum Beispiel kann in Geschichte oder Politik stattfinden. Aber: Die Tatsache, dass wir kein Schulfach Wirtschaft haben, führt dazu, dass wir das Thema den Schülern nicht konsequent genug vermitteln.

Kraus: Da sind wir gar nicht so weit auseinander. Wirtschaft sollte quer durch drei, vier oder fünf Fächer eine Rolle spielen. Jeder Schüler, der die zehnte Klasse verlässt, sollte rund 200 Stunden ökonomische Grundbildung hinter sich haben, egal in welchen Fächern.

Die Unternehmen klagen seit Jahren über die schlechte Ausbildungsreife der Schulabgänger. Wo liegen die Probleme?

Hüther: Wir haben wenig Probleme bei den Gymnasien und den Realschulen. Das große Problem sind die Hauptschulen. Wir haben sie zu lange vernachlässigt und zur Restschule verkommen lassen und ihr so die Chance auf eine eigene Identität genommen. Das - so zeigt Pisa - erschwert den schulischen Erfolg der Kinder.

Kraus: Zu Ihrer Diagnose, Herr Hüther: Wir haben im Jahr über eine Million Schulabgänger und den durchschnittlichen Abgänger gibt es nicht. Ich sage, und das bestätigen auch empirische Untersuchungen: Bei 85 Prozent gibt es keine Probleme. Aber von nichts kommt nichts. Zum Beispiel müssen wir uns seit Jahren mit drei Wochenstunden Deutsch in manchen Jahrgangsstufen begnügen. Dann braucht man sich nicht wundern, wenn Neuntklässler keine Bewerbung schreiben können. Das zählt zu den Sünden der Schulpolitik.

Sollten wir die Hauptschule abschaffen?

Hüther: Die derzeitige Diskussion ist berechtigt. Ich bin da pragmatisch: In einer bevölkerungsdichten Region ist das dreigliedrige Schulsystem effizient, in einer bevölkerungsschwachen Region ist es einfach zu teuer.

Kraus: Die Vorstellung, die durch die Lande geistert, die Hauptschulen abzuschaffen, ist Augenwischerei. So werden die Probleme nicht gelöst. Die Hauptschulen brauchen eine Offensive: Kleinste Lerngruppen, bevorzugter Ausbau der Ganztagsschule, Sozialpädagogen und eine enge Zusammenarbeit mit Betrieben.

Sehen wir Bildung zu sehr durch die Brille der Pisa-Ergebnisse?

Kraus: Ja. Deswegen ein ganz dringender Appell meinerseits an die Wirtschaft: Man darf sich nicht von Pisa-Rangplätzen beeindrucken lassen. Bildung ist weitaus mehr.

Hüther: Da stimme ich Ihnen zu. Ich beobachte mit Sorge, dass wir den Bildungsbegriff in der ausschließlich Nutzwert orientierten Diskussion um Bildungsreformen sehr stark verengen. Wir konzentrieren uns zu sehr auf die Vermittlung von Kompetenzen, etwa die Lesekompetenz. Ich halte es für wichtig, dass Bildung auch die Sozialisation und die Demokratiefähigkeit - letztlich die Befähigung zur Freiheit - von Jugendlichen beeinhaltet.

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