Handelsblatt-Umfrage
Jeder Zweite will sechsjährige Grundschule

Eine Mehrheit der Bundesbürger votiert für eine Kindergartenpflicht ab drei Jahren. Dem Betreuungsgeld für kleinere Kinder stehen die meisten Deutschen dagegen eher ablehnend gegenüber.
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BERLIN. Die in Hamburg umkämpfte Verlängerung der Grundschule auf sechs Jahre stößt bundesweit mehrheitlich auf Zustimmung: Jeder Zweite findet die Reform gut – nur 43 Prozent sind dagegen. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des Bamberger Centrums für empirische Studien (Baces) im Auftrag des Handelsblatts unter 1 088 Personen. 2007 waren knapp zwei Drittel gegen eine Verlängerung.

Deutlich stärker noch ist die Zustimmung bei Frauen (57 Prozent) und bei älteren Befragten ab 46 Jahren. Bisher gibt es die sechsjährige Grundschule nur in Berlin und Brandenburg. Für die Zeit nach der Grundschule wollen aber zwei Drittel der Befragten weiter ein gegliedertes Schulsystem. Eine gemeinsame Schule für alle will nur jeder Dritte.

In Hamburg hat sich ein Volksbegehren gegen die Verlängerung gewandt. Allerdings ist diese dort damit verknüpft, dass Eltern künftig bei der Wahl der weiterführenden Schule nicht mehr mitreden sollen. Diverse Studien haben ergeben, dass Kinder auch von den Lehrern zu einem erheblichen Anteil nicht entsprechend ihren Fähigkeiten auf die weiterführenden Schulen verteilt werden, eine neuere Expertise geht von einem Drittel aus. Dabei haben Kinder von An- oder Ungelernten oder Migranten auch bei gleichem Potenzial deutlich geringere Chancen auf eine Gymnasialempfehlung als Akademikerkinder.

Beim Kindergarten sind die Deutschen überraschend rigoros: 60 Prozent aller Bundesbürger sprechen sich in der Baces-Umfrage dafür aus, den Kindergartenbesuch ab dem dritten Geburtstag künftig sogar zur Pflicht zu machen. Danach meinen 60 Prozent der Deutschen, alle Kinder sollten ab drei in einen Kindergarten gehen, bei den Frauen sind es sogar 64 Prozent.

Derzeit besuchen im Schnitt neun von zehn Kindern einen Kindergarten – im Osten fast 95 Prozent, im Westen 88. Ganz am Ende der Versorgung liegt Hamburg, dort besucht jedes fünfte Kind keinen Kindergarten. Problematisch ist, dass vor allem Kinder aus bildungsfernen Schichten und von Migranten eher zu Hause betreut werden – also genau die Gruppe, die besonders vom Kindergarten profitierte.

Das umstrittene Betreuungsgeld lehnt zumindest eine relative Mehrheit von 48 Prozent ab – 45 Prozent sind dafür. Von den Älteren ab Mitte 40 ist sogar eine deutliche Mehrheit von 53 Prozent gegen das vor allem von der CSU propagierte Betreuungsgeld für Eltern, die ihre Kinder bis drei zu Hause betreuen.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin

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  • Klar, wenn man diejenigen dazurechnet, die die Gesamtschule wollen, also sozusagen die 9/10/12-jährige Grundschule, dann werden das locker über die Hälfte.

    Wenn man aber von dem Umfrageergebnis diejenigen abzieht, die die Aufteilung in das deutsche 3-Klassen-System Hauptschule/Realschule/Gymnasium gar nicht mehr haben wollen, dann bleiben wohl nur ein paar Prozent.

    Schliesslich ist der deustche Alleinweg des menschenverachtenden Schubladensystems im Schulwesen gescheitert, wie der Vergleich über die schulischen Leistungen unterschiedlicher Länder in P.i.S.A. ergab.

  • Die Mehrheit für eine sechsjährige Grundschule? Na, da werden sich die Schulreformgegner in Hamburg ärgern. Wenn das Elternwahlrecht in Hamburg wieder gewährt wird, dann wird allerdings die Zustimmung unter den Hamburger sogar wesentlich größer ausfallen ... und danach sieht alles so aus. ich denke das wäre ein ausreichend großer Erfolg von der initiative, sie sollten es auf dem Teilsieg beruhen lassen.

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