Handelsblatt Wirtschaftsclub: „Der Euro ist ein Problem“

Handelsblatt Wirtschaftsclub
„Wo ist Ihr Marx, Frau Wagenknecht?“

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„Der Euro ist ein Problem“

Doch so einfach ist das Problem wohl nicht zu lösen. „Auf einheitliche Steuern in der EU könne wir bis zum Sankt Nimmerleinstag warten“, ist Wagenknecht überzeugt. Man müsse nach anderen, nach realistischen Wegen suchen, beispielsweise EU-Vorgaben verändern. Alles gleich zu machen, sei unrealistisch und auch nicht die Lösung. „Alles zu homogenisieren ist nicht im Interesses der europäischen Idee“, sagt die Linken-Politikerin. „Es gibt viele Kulturen und Traditionen in der EU, wir müssen die Unterschiede leben.“ Während die Deutschen kein Interesse an einer schwachen Währung gehabt hätten und haben, hätte Italien beispielsweise mit seiner schwachen Lira gut leben können und sogar ein höheres Wachstum erzielt als heute. „Der Euro ist ein Problem: Für einige Länder ist er zu schwach, für andere zu hart.“ Auch dafür gibt es Applaus.

Klare Kritik an der EU. Ihre Zeit in Brüssel ist allerdings schon länger vorbei, sie war dort von 2004 bis 2009. Seit September 2009 sitzt sie nun im Bundestag, ab 2011 als stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linksfraktion und ab Oktober 2015 dann als Fraktionsvorsitzende und damit Oppositionsführerin.

Anfangs gibt sie sich zeitweise fast liberal, doch natürlich fehlen auch die obligatorischen linken Forderungen nicht – beispielsweise eine Erbschaftssteuer von satten 30 Prozent für extrem hohe Vermögen. Da schüttelt dann doch der eine oder andere verständnislos mit dem Kopf.

Spannend ist auch die Debatte darüber, wann ein Unternehmer gut und wann er eher böse sei. Gut ist der Unternehmer, der viel für die Gesellschaft tut, dessen Arbeitnehmer gut verdienen, der Arbeitsplätze schafft und bewahrt. So weit, so gut. Aber wann ist er schlecht? Die Antwort ist für Sahra Wagenknecht klar: Wenn ein Unternehmer das Unternehmen nur als Anlageobjekt sieht, aus dem er Geld ziehen will. Wenn er nur auf die maximale Rendite aus ist. „Wir haben teilweise perverse Anreizmodelle“, kritisierte sie mit Blick auf die Aktienoptionen, die viele Manager erhalten. Unternehmer oder Kapitalist, das ist die Frage.

In der späteren Fragerunde „outet“ sich dann auch der ein oder andere Gast als „Kapitalist“ à la Wagenknecht. Beispielsweise ein ehemaliger Unternehmer, der lange 80 bis 90 Stunden pro Woche gearbeitet hat, um dann sehr früh Privatier zu werden. Passt das zu Wagenknechts Welteinstellung? So wirklich wird das nicht klar. Ein anderer sagt ganz klar, dass er die Linke niemals wählen würde. Ebenso wie sein Freundeskreis. „Als ich erzählt habe, dass ich zu einem Clubgespräch mit Ihnen gehe, sagten alle, dass sie eine tolle, eine interessante Persönlichkeit sind“, erzählt er. „Aber wählen würden wir sie nicht.“ Wagenknecht nimmt das als Kompliment. Das darf sie auch. Ebenso wie die Tatsache, dass das Clubgespräch mehr als ausgebucht ist. Sahra Wagenknecht polarisiert nicht nur, sie fasziniert auch.

Jessica Schwarzer
Jessica Schwarzer
Handelsblatt / Chefkorrespondentin Börse

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  • "Die Antwort ist für Sahra Wagenknecht klar: Wenn ein Unternehmer das Unternehmen nur als Anlageobjekt sieht, aus dem er Geld ziehen will. Wenn er nur auf die maximale Rendite aus ist. „Wir haben teilweise perverse Anreizmodelle“, kritisierte sie mit Blick auf die Aktienoptionen, die viele Manager erhalten. Unternehmer oder Kapitalist, das ist die Frage. "
    Wer nicht unterscheiden kann zwischen "Manager" (angestellt) und "Unternehmer" (Eigentümer) und "Kapitalist" (nicht zwangsläufig Unternehmer oder Manager) soll einfach bei solchen Themen die ....halten. Übrigens, geht sie immer noch gern in Straßburg Hummer essen? Wohnt sie nicht in der Villa des "Sozialisten" Oskar Lafontaine? Widerwärtig, dieses verlogene Subjekt.

  • @ Norman Fischer:
    "Hohe Steuern (90% für Einkommensmillionäre) und saftige Erbschaftssteuern (mind. 50%) für Milliardäre" würde viele Probleme lösen. Das ist richtig. In erster Linie würde sich das Problem lösen, dass diese Menschen in Deutschland steuerpflichtig sind.

  • Die soziale Marktwirtschaft ist ein tolles Wirtschaftsmodell. Leider wurde bei uns das Soziale abgeschafft. Mşglicherweise hat es damit zu tun, dass es nicht mehr den Kommunismus als Konkurrenzmodell gibt.

    Jedenfalls ist es nicht sozial, weil ein Manager, der aufgrund des Netzwerks seiner Familie aufgestiegen ist, 1000 mal mehr Einkommen hat, als ein Arbeiter seiner Firma. So viel mehr leistet der sicher nicht, wenn man die ganzen Firmen anschaut, die in Schwierigkeiten geraten und dennoch fette Boni an die Manager zahlen.

    Sicher ist es nicht sinnvoll, dass der Staat mit vorschriften eingreift. Aber hohe Steuern (90% für Einkommensmillionäre), und saftige Erbsschaftssteuer (min. 50%) für Milliardäre würden viele Probleme lösen.

    Es muss aber auch in der Politik was geschehen, damit solche Änderungen durchsetzbar sind, gegen die mächtige Lobby der Reichen. Und nein, ich kann mich mit dem Programm keiner Partei identifizieren, und weiss echt nicht, wen ich jetzt wählen würde. Aktuell insbesondere auch wenn man die Ansätze zur Lösung der Flüchtlingskrise betrachtet.

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