Handwerks-Präsident Kentzler „Wir können nicht mit großen Scheinen winken“

Immer mehr Deutsche wandern aus. Nicht nur die Wissenschaft, sondern auch das Handwerk plagen inzwischen Nachwuchssorgen. Handwerks-Präsident Otto Kentzler fordert Betriebe auf, „wie die Löwen“ um Bewerber zu kämpfen.
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Otto Kentzler, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks: Wie die Löwen kämpfen. Quelle: dapd

Otto Kentzler, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks: Wie die Löwen kämpfen.

(Foto: dapd)

Handelsblatt: Herr Kentzler, Immer mehr Deutsche wandern aus. Wie stark trifft der Wegzug von jungen Deutschen auch das Handwerk?

Otto Kentzler: Den „Brain-drain“ kennen wir nicht nur in akademischen Berufen. Gesellen und Meister mit einer Ausbildung im deutschen Handwerk sind weltweit hoch angesehen. Die Nachbarstaaten innerhalb der EU werben seit Jahren intensiv um unsere gut ausgebildeten Fachkräfte. Aber auch deutsche Großunternehmen aus Industrie und Dienstleistung sind daran interessiert. Mein Appell an die Handwerksmeister: Wir haben im Handwerk keine Fachkräfte zu verschenken. Halten Sie diese Fachkräfte im Handwerk – wir brauchen sie.

Was können sie tun, um die massive Abwanderung zu stoppen?

Mit großen Geldscheinen können und müssen Mittelständler nicht winken. Eine Untersuchung hat ergeben, dass gut ausgebildete junge Leute im Handwerk bleiben, wenn das Team stimmt, also das Verhältnis zu Kollegen und Vorgesetzten, und wenn sie berufliche Perspektiven erhalten. Daran arbeiten wir. Mit gezielter Weiterbildung nach dem Berufslaufbahnkonzept des Handwerks können sie die Karriere-Leiter erklimmen oder sich auf die eigene Selbständigkeit vorbereiten. Für Eltern engagieren sich immer mehr Betriebe bezüglich Krippen- und Kita-Plätzen. Frauen finden gerade in kleineren Betrieben leichter flexible Einsatzmöglichkeiten – ob als Fachverkäuferin oder Managerin. Beides hilft, Familie und Beruf zu vereinbaren.

Klingt gut, aber wirkt das auch?

Es funktioniert bereits: Der Anteil der Frauen bei den erfolgreichen Meisterprüfungen hat sich innerhalb von 20 Jahren verdoppelt.

Dennoch bildet nur jedes zweite Unternehmen in Deutschland aus…

Das Handwerk hat mit rund neun Prozent immer noch eine Ausbildungsquote, die mehr als doppelt so hoch wie in anderen Wirtschaftszweigen liegt. Unser Problem ist es mittlerweile, dass allein in diesem Jahr rund 11.000 Ausbildungsplätze nicht besetzen werden konnten. Wir müssen um unseren Nachwuchs kämpfen wie die Löwen! Viele Handwerksmeister haben längst die Initiative ergriffen. Ich kenne einen Dachdeckermeister, der für schwächere Schüler Praktika organisiert und Nachhilfe bezahlt, damit sie einen ordentlichen Schulabschluss schaffen. Viele dieser Jugendlichen lernen anschließend in seinem Betrieb – und erreichen dort dank der exzellenten Ausbildung Spitzenresultate bei Gesellen- und Meisterprüfung.

Warum gelingt es nicht, im Gegenzug mehr Handwerker aus dem Ausland nach Deutschland zu holen?

Aus den EU-Ländern arbeiten schon einige zehntausend als Handwerker in Deutschland, jedoch meistens als Selbständige. Bewerbungen von Facharbeitern, beispielsweise aus Spanien, wo viele Kräfte aus den Bauberufen keinen Job haben, sind willkommen. Bisher waren jedoch vor allem die ausländischen Akademiker so mobil, dass sie sich in Deutschland bewerben.

Warum gelingen nicht mehr Einstellungen?

Bei der Einstellung sind die bisher unterschiedlichen Ausbildungsstandards ein Problem. Das neue Anerkennungsgesetz wird den Betrieben und den Bewerbern ab 2012 mehr Sicherheit geben. Wo es Qualifikationsdefizite gibt, wollen die Handwerkskammern künftig gezielt ein Angebot zur Nachschulung zum Gesellen oder Meister machen.

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15 Kommentare zu "Handwerks-Präsident Kentzler: „Wir können nicht mit großen Scheinen winken“"

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  • @Gung Bong

    Ganz einfach, Politik machen oder sich endlich zusammenraufen und auf die Straße gehen!

    Die Tatsache, das wir Deutschen für beide genannten Therapiewege zu dumm und/oder zu faul sind bedeutet ja nicht das das es die geeignete Medizin wäre!

    In der Geschichte hat Widerstand bekanntlich immer geholfen, fraglich ist nur ob wir uns helfen wollen.

  • Ihrer Meinung kann man sich nur anschließen.
    Danke

  • Man muss auch an die Lehrlinge, Mitarbeiter von Morgen denken. Fördert man diese ( in Brandenburg ) durch unbezahlte Überstunden, Samstagsarbeit, Herausnahme von der Berufsschule, Fahrten zu den verschiedenen Arbeitsplätzen zu Lasten der Lehrlinge, Ablehnung der Übernahme, da neue Lehrlinge billiger sind, bzw. man ihnen vorwirft keine Leistung zu bringen/unfähig sind aber sie gleichzeitig als selbstständige Vorarbeiter einsetzt usw.???

  • @Antilobby

    Zu Hohe Lohnnebenkosten und Steuern ist Quatsch, sie waren noch nie in Skandinavien.

  • @sterbende_Demokratie

    Ihr Beitrag ist ein Volltreffer.

  • Oje - welches Wunschdenken ist das denn?

    In Deutschland ist das Diktator-Prinzip in Firmen längst nicht ausgestorben! Hier zählt nicht das Miteinandern, sondern wenn der Chef sagt, so wirds gemacht, dann wirds so gemacht. Ob es Sinn macht, fachlich richtig ist oder man das will interessiert doch keinen.

    DAS sollten die Herren Chefs erstmal abstellen.

    Und dann reden wir mal über die Bezahlung...es kann nicht sein, dass sich der Chef einen S-Klasse vors Haus stellt und der Mitarbeiter weiss nicht wie er seine Familie über den Monat bringen soll.

    Liebe Handwerkkammer - wirkt doch endlich mal auf die Politik ein, dass die Steuern bzw. Lohnnebenkosten endlich einmal sinken - wie eben in anderen Ländern. Und deswegen wandert man aus. Übrigens - die Zusammenarbeit ist bei besserer Bezahlung auch um Längen besser, da man zufriedener mit der Gesamtsituation ist.

    Schönen Gruss eines Ausgewanderten.

    Ich komme nicht wieder zurück zu schlechter Laune und schlechter Bezahlung.

  • Oje - welches Wunschdenken ist das denn?

    In Deutschland ist das Diktator-Prinzip in Firmen längst nicht ausgestorben! Hier zählt nicht das Miteinandern, sondern wenn der Chef sagt, so wirds gemacht, dann wirds so gemacht. Ob es Sinn macht, fachlich richtig ist oder man das will interessiert doch keinen.

    DAS sollten die Herren Chefs erstmal abstellen.

    Und dann reden wir mal über die Bezahlung...es kann nicht sein, dass sich der Chef einen S-Klasse vors Haus stellt und der Mitarbeiter weiss nicht wie er seine Familie über den Monat bringen soll.

    Liebe Handwerkkammer - wirkt doch endlich mal auf die Politik ein, dass die Steuern bzw. Lohnnebenkosten endlich einmal sinken - wie eben in anderen Ländern. Und deswegen wandert man aus. Übrigens - die Zusammenarbeit ist bei besserer Bezahlung auch um Längen besser, da man zufriedener mit der Gesamtsituation ist.

    Schönen Gruss eines Ausgewanderten.

    Ich komme nicht wieder zurück zu schlechter Laune und schlechter Bezahlung.

  • Beim eigenen Einkommen können die Handwerksmeister oftmals schon mit großen Scheinen winken.

  • @s-d
    Ihre Diagnose erscheint mir richtig. Welche Therapie schlagen Sie vor?

  • Kentzler hätte auf die besonders extremen Probleme in Ostdeutschland hinweisen müssen. Dort tritt neben das allgemeine gesamtdeutschen Probleme noch die Abwanderung hinzu. Die Abwanderung kompensiert tlw. die demografischen Probleme im Westen durch den Aderlass des Ostens. Obwohl in 2012 ggf. infolge einer Rezession oder Depression ein ausgeglicherer Arbeitsmarktsaldo entstehen könnte, müssen die Anstrengungen im Westen energischer auf Drittländer konzentriert werden. Die damit verbundene Lohnbelastung muss kritisch analysiert werden: offenkundig muss Produktivität im Handwerk stärker durch das produktive Anlagevermögen gespeist werden. Um dies zu fördern müssen die Abschreibungsfristen halbiert werden.

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