Hans-Dietrich Genscher feiert seinen 80. Geburtstag
Kultstar „Genschman“

Hans Dietrich Genscher ist schon zu Lebzeiten Legende. Ende, des kalten Kriegs, Wiedervereinigung, Olympia-Attentat – während seiner 23 Jahre als Minister hat der „Mann mit dem schrillen gelben Pullunder“ alle Bereiche der Gefühlsskala durchlebt. Was der Öffentlichkeit weitgehend verborgen bleibt: Noch immer ist der FDP-Grande, der heute 80 Jahre alt wird, der Mann für heikle Missionen.

BERLIN. Die Absage von „Tokio Hotel“ zur Feier seines 80. Geburtstags kann Hans-Dietrich Genscher verschmerzen. Zwar hätte er gerne bei seinen beiden Enkeltöchtern Eindruck gemacht, wie er sagt. Doch auch ohne die Teenie-Band dürfte es heute Abend in dem Zirkus-Zelt vor dem Berliner Hauptbahnhof hoch hergehen. Denn „Genschman“ ist längst selbst ein Kultstar: Der „Mann mit dem schrillen gelben Pullunder“ und einst den 1:30 Minuten in der „Tagesschau“.

Weit über 1 000 Gäste kommen, um mit dem FDP-Ehrenvorsitzenden und dienstältesten Außenminister der westlichen Welt zu feiern. Darunter Angela Merkel und Gerhard Schröder. Helmut Kohl ist eingeladen. Neben Henry Kissinger stehen Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck, Liselotte Pulver und Peter Maffay auf der Einladungsliste. Einigen hundert Genscher-Fans musste die Partei absagen. Das Zelt platzt aus allen Nähten.

Schmerzen dürfte Genscher, dass sein Freund Gorbi wegen einer Erkrankung kurzfristig nicht kommen kann. Genscher war vermutlich einer der Ersten, der die Bedeutung von Michail Gorbatschow für eine friedliche Wiedervereinigung erkannte. Prag im Herbst 1989 war ohnehin die schönste Station der politischen Laufbahn des gebürtigen Hallensers, der 1952 aus der DDR in den Westen kam. Die Szene gehört heute zum Standardrepertoire jeder Rückblicksendung zur Wiedervereinigung. Auf dem im abendlichen Dunkel von Scheinwerfern erleuchteten Balkon der deutschen Botschaft ging sein Satz: „Ich bin heute Abend zu Ihnen gekommen, um Ihnen zu sagen ...“ im befreiten Jubel der dort ausharrenden DDR-Flüchtlinge unter. Seitdem ist sein Name untrennbar mit der deutschen Einheit verbunden. Als Konkurrent zum „Einheitskanzler“ Helmut Kohl sieht er sich trotzdem nicht. Auch wenn er ihm Fehler bei der wirtschaftlichen Wiedervereinigung, vor allem bei der Abwicklung der Produktion im Osten, vorwirft, haben die beiden Politiker ein professionelles Verhältnis zueinander gefunden.

Parteifreundin Cornelia Pieper ließ sich ein ganz besonderes Geschenk einfallen. Sein noch völlig verfallenes Geburtshaus in Halle soll mit Hilfe von vielen Spendern zu einer Begegnungsstätte zur deutschen Einheit werden. Genscher selbst hat sich noch nicht geäußert, ob er das „Denkmal“ gut oder schlecht findet. Dazu hat er aber auch noch Zeit, es soll erst in drei Jahren fertig sein. Die Antwort müsste auf jeden Fall schlau ausfallen. Eine Eigenschaft, die ihn 23 Jahre lang in Ministerämtern unter drei Bundeskanzlern hielt. Oder war es einfach die pure Angst, in der Opposition zu landen, die ihn in die verschiedensten Koalitionen wechseln ließ?

Seite 1:

Kultstar „Genschman“

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%