Hans-Werner Sinn

„Die Euro-Krise bürdet Deutschland große Lasten auf“

Der Chef des Ifo-Instituts wirft den Politikern vor, sich vor der Lösung der echten Probleme zu drücken. Daher führe die Euro-Schuldenkrise zu enormen Risiken für den deutschen Staatshaushalt, sagt Sinn im Interview.
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Hans-Werner Sinn hält Griechenland für einen hoffnungslosen Fall. Quelle: dapd

Hans-Werner Sinn hält Griechenland für einen hoffnungslosen Fall.

(Foto: dapd)

Handelsblatt: Herr Professor Sinn, die Bundesrepublik ist praktisch schuldenfrei durch das Wirtschaftswunder gekommen. Wer hat den Grundstein für unser heutiges Schuldenproblem gelegt?

Hans-Werner Sinn: Das war ab 1969 die sozialliberale Koalition. In der Amtszeit von Helmut Schmidt verdoppelte sich die Staatsverschuldung von 20 auf 40 Prozent des BIP, obwohl die Wirtschaft stürmisch wuchs. Damals sprach man von öffentlicher Armut und privatem Reichtum und baute überall Schwimmbäder. Die FDP blockierte Steuererhöhungen, also machte man Schulden.

Und der nächste große Schub war die Wiedervereinigung.

Genau. Helmut Kohl hat versprochen, dass für die Wiedervereinigung keine Steuern erhöht würden. So stieg die Schuldenlast wegen der Vereinigung um ein bis eineinhalb Billionen Euro. Es war ja nicht ganz irrational, zu sagen, dass man eine solche einmalige Last per Kreditaufnahme auf mehrere Generationen verteilen sollte. Aber es war trotzdem falsch, denn es war bekannt, wie sich die demografische Lage in Deutschland entwickeln würde. Es wird den kleineren künftigen Generationen schwerfallen, die bei der Wiedervereinigung aufgebauten Schulden zu bedienen. Hätte man stattdessen die Steuern erhöht, dann wäre auch nicht so viel Geld für überflüssige Subventionen verschwendet worden.

Mal von diesem außerordentlichen Ereignis abgesehen - warum steigt die Schuldenlast so unaufhaltsam?

Demokratische Regierungen neigen dazu, Schulden zu machen und so die Lasten auf künftige Generationen zu verteilen. Denn die sind ja noch nicht wahlberechtigt. Es ist vertretbar und richtig, sich in Krisen zu verschulden und die Schulden im nachfolgenden Boom wieder abzutragen. Aber die Erfahrung zeigt, dass die Politik immer gerne bereit ist, sich mit irgendwelchen Ausreden um den zweiten Teil zu drücken.

Doch wann sind Schulden zu hoch? Hat die von den US-Ökonomen Rogoff und Reinhart genannte Grenze von 90 Prozent des BIP, ab der Schulden das Wachstum lähmen, ihre Berechtigung?

Ja, ich denke schon. Bei Italien dachte man lange, eine Schuldenlast von 120 Prozent des BIP sei verkraftbar. Nun merken wir, dass das nicht stimmt. Italien hat lange Zeit davon profitiert, dass sich die Zinsen im Euro-Raum angenähert hatten, hat aber den gesamten Zinsvorteil verfrühstückt. Das macht Deutschland derzeit genauso, denn obwohl die Krise die Zinsen für den deutschen Staat auf einen historischen Tiefpunkt getrieben hat, spart der Staat nicht, sondern macht neue Schulden. Summa summarum zeigt die Erfahrung, dass Schuldenregeln gar nicht strikt genug sein können. Seien wir froh, dass es die vorige Bundesregierung geschafft hat, die Schuldenbremse ins Grundgesetz aufzunehmen. Das war ein großer Erfolg.

Solche Konzepte berücksichtigen allerdings nicht die impliziten Staatsschulden, die in den Zahlungsversprechen der Sozialkassen lauern.

Das ist richtig. Implizite Schulden sind zweifellos Staatsschulden, denn wer etwa in die Rentenversicherung eingezahlt hat, der hat Ansprüche. Aber es ist gar kein Geld vorhanden, um diese Ansprüche zu decken, denn die Beiträge werden ja jeweils von der aktuellen Rentnergeneration aufgezehrt. Der Anspruch richtet sich also an künftige Generationen, die der Staat dafür zur Kasse bitten wird - genauso wie bei einer Staatsanleihe.

„Im Falle Griechenlands ist Hopfen und Malz verloren“
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34 Kommentare zu "Hans-Werner Sinn: „Die Euro-Krise bürdet Deutschland große Lasten auf“"

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  • @ pergraecari,
    und woher sollte das Geld kommen wenn Deutschland aus dem Ausland nicht importiert, oder weniger importiert als es exportiert?
    Was Deutschland als plus aufweist (Deutscher Leistungsbilanzüberschuss 14 Milliarden im MONAT) wird zwangsläufig im Ausland als Minus ausgewiesen, was niedrigere Steuereinnahme des Staates und Arbeitslosigkeit) zur Folge hat.
    Sie haben bestimmt schon von Prinzip der kommunizierenden Röhren gehört. Eine Ausgleich ist nur möglich wenn die Flüssigkeit (Geld) fliesst.

  • @ Ernst,
    eine Sache ist sicher aber, es kommt darauf an welches Land aus dem Euro raus geht.
    Sollte Deutschland die DM wieder einführen, würde dies problemlos geschehen weil das Volk die DM annehmen würde.
    Steigt aber Griechenland aus dem Euro und führt die Drachme wieder ein, dann würde das Volk den Euro nicht umtauschen und die Drachme ablehnen, Konten würden sofort leer geräumt und das Geld (Euro) ins Ausland gebracht. (falls sich noch Geld in Griechenland befindet)

  • @ Juma,

    Sie verstehen wirklich nur Bahnhof, es geht nicht darum irgendwelche gute Produkte zu beschädigen, Europa braucht diese Produkte, es geht viel mehr darum die Konvergenz der Wirtschaften innerhalb der Eurozone zu fördern, wie man das erreicht muss geklärt werden, es gibt viele Wege um das zu erreichen. Schon allein eine Fiskalunion, also eine zentrale Steuerbehörde wie in den USA, wäre eine einfache Möglichkeit. Ein Teil der Steuereinnahmen würden dann von dieser Steuerbehörde verwaltet. Etwas wie das Bundesfinanzministerium für Deutschland, nur eine Stufe höher gelegen. Es wäre für den Steuerzahler nicht teurer, das die Steuereinnahmen nur anderes dann verwaltet werden.

  • Tja die Politikert haben schlicht und ergreifend die Hose voll und wollen den offensichtlichen Tatsachen und Risiken der Fehlentwicklung auf mindestens 3 Ebenen (Staatsschulden, Finanzsystemderegulierung, Globalisierung mit ihrem Spezialaspekt Euro) nicht ins Auge sehen und den Offenbahrungseid vertagen. Keiner will der Bote sein, der die Nachricht überbringt, dass sie maximal Sch...e gebaut haben. Ohne die ehrliche von Wunschdenken ungetrübte Ursachenanalyse wird aber jeder "Rettungs"versuch nur der Rettung einer Illusion dienen und Symptome unterdrücken, während die Krankheit weiter gemästet sich immer weiter ins System frisst.

  • Ich bin es Leid das wir nicht auf die Straße gehen und gegen die Geldvernichtung demonstrieren.
    Lasst uns alle zusammen vor den Bundestag ziehen und das Volk wachrütteln.
    Demo für.
    Sozialabgaben(35%) auf Kapitalerträge statt Transaktionssteuer-nicht absetzbar
    Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenze (bringt mehr Geld als höhere Steuern,dann muss jeder einbezahlen ins Sozialsystem vom Beamten bis zum Millardär.Und man kann Sozialabgaben nicht absetzen ;-)
    evtl. Senkung der Sozialabgaben für alle auf ein erträgliches Niveau,aber proztenual gleich für alle.Das wird zig Millarden mehr Einnahmen bringen und für mehr Gerechtigkeit sorgen.

  • Eine gute Beschreibung der drzeitigen Lage - und zugleich eine saubere Handlungsanweisung für die kommenden Jahre = Lassen wir uns nicht auf sozialromantische Alternativen ein.

  • Alle spekulativen Aussagen darüber, was denn wohl geschehen wird, wenn ein Land aus dem Währungsverbund Euro austritt, führen zu nichts. Wir wissen es nicht und wir können auch keine sicheren Konsequenzen benennen, weil es noch nie vorher geschah.

    Derzeit geht es zunächst darum, wie man mit illiquiden Schuldnern verfährt. Ob deren fällige Schulden/Zinsen nun in Euro, Dollar oder in Kaurimuscheln zu leisten sind, das ist nachrangig. Es ist auch nicht entscheidend, wer der Schuldner ist; ein Staat, ein Unternehmen, ein Privathaushalt ist unter dem gleichen Aspekt zu betrachten.

    Der entscheidende Aspekt ist, ob der Schuldner mit einiger Sicherheit saniert werden kann oder nicht. Falls man bei der Prüfung dieser Frage zu dem Ergebnis kommt, daß weitere Zahlungen den Schuldner wahrscheinlich nicht zu künftiger Liquidität führen werden, dann kann man sich weitere Kredite oder auch Geschenke sparen.

    Dann bleibt nur der Weg, soviel wie möglich des aktuellen Schuldenstandes über eine Insolvenzabwicklung an die Gläubiger zurückzuführen. Das braucht Zeit und das wird auch alle Gläubiger mehr oder weniger hart belasten.

    Parallel dazu werden auch etliche Gläubiger in Liquiditätsprobleme geraten. Und hier gilt dann das oben Gesagte ebenso.

  • @Adolf
    Flüchten sie sich bitte nicht in krude Vergleiche. Wie wollen sie konkret die Leistungsfähigkeit und die hervorragenden Produkte dt. Unternehmer bewusst beschädigen?

  • @ Juma,

    dass die deutsche Unternehmer und die deutsche Wirtschaft gut sind bestreitet keiner. Das Problem ist aber dass wir eine Wirtschafts- und Währungsunion haben und dadurch sind die schwächere Wirtschaften gegen die deutsche Übermacht nicht geschützt. Stellen Sie sich eine große Familie am Esstisch vor und jeder darf sich nach Kräften bedienen, da würden schnell einige verhungern und andere an Fettsucht leiden. Was uns fehlt ist ein Fiskalunion die diese Missverhältnisse ausgleicht.
    Ohne Fiskalunion oder Wirtschaftsregierung ist eine Währungsunion nicht lebensfähig. Das Prinzip der eigenen Verantwortung das Deutschland und Frankreich durchgesetzt haben ist eben für starke Wirtschaften von Vorteil. Dadurch driften die Eurowirtschaften aber noch mehr auseinander anstelle von konvergieren, was ursprünglich gewollt war.

  • @ Klaus.P.,
    Dann schaue mal nach bei den Statisken der Bundesbank nach! Die Zahlen sagen aber nicht über die Verteilung des Vermögens. Das ist aber ein internes Problem der Verteilung zwischen Deutschen. Dein Problem!

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