Hartz IV: „Billignudeln von Aldi sind besser als nichts“

Hartz IV
„Billignudeln von Aldi sind besser als nichts“

Zum Monatsende wird das Geld knapp. Jedes Mal. Andreas H. war mal Koch, schätzte die gehobene Küche. Dafür reichen die 4,50 Euro pro Tag längst nicht mehr. Dem Hartz-IV-Empfänger bleibt nur schwarzer Humor. Ein Besuch.
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KölnEs riecht nach kaltem Rauch. Doch nirgends gibt es in der Wohnung einen Aschenbecher. Keine Spur von Tabakkrümeln, Feuerzeug und Zigaretten. Der Wohnzimmertisch ist frisch geputzt, wenn Andreas H. in seiner Kölner Wohnung Gäste empfängt. Sauberkeit sei ihm wichtig, sagt er mit etwas brüchiger Stimme. Er ist nervös. Denn es kommt nicht oft vor, dass ihn Fremde besuchen.

Andreas H. ist arbeitslos. Er bezieht die Grundsicherung nach dem Sozialgesetzbuches (SGB) II. Im Klartext: Der 59-Jährige lebt von Hartz IV, so wie aktuell 4,3 Millionen Menschen in Deutschland. 2004 vollzog der deutsche Staat den bürokratischen Kraftakt der gemeinsamen Arbeits- und Sozialverwaltung – die Hartz-Reformen. Zum 1. Januar 2005 verschmolzen die Arbeitslosenhilfe und Teile der Sozialhilfe. Nun gibt es Hartz IV seit zehn Jahren. Für Andreas H. ist das kein Grund zu feiern.

Für ihn ist der Gang zur Bank eine Qual. Die Furcht sei jeden Monat groß, dass das Geld schon wieder nicht reiche, sagt er. 138,33 Euro bleiben ihm monatlich zum Leben. Das sind etwa 4,50 Euro am Tag. „Da macht die Erhöhung von acht Euro pro Monat zum Januar wenig Unterschied“, sagt er.

Trotz wenig Geld: Andreas H., der sich selbst „Hartzer“ nennt, ist gastfreundlich. Er will dem fremden Besucher in seiner Wohnung im Kölner Stadtteil Mülheim etwas bieten. Kaffee und Kuchen stehen auf dem Wohnzimmertisch bereit.

Es gibt Teilchen, nicht vom Discounter, sondern aus der Konditorei, auch wenn das nicht billig war. Dass ihm gutes Essen eigentlich wichtig ist, liegt an seinem Beruf: „Ich habe Koch gelernt und mich schon früh für gutes Essen interessiert.“ Warum er seit neun Jahren nicht mehr in seinem Ausbildungsberuf arbeitet, verschweigt er lieber und bittet um „Diskretion“.

Das mit den teuren Teilchen ist die große Ausnahme. Andreas H.: „Billignudeln von Aldi sind besser als nichts. Das hatte ich schon oft genug.“ Ein wenig schwingt schwarzer Humor mit in seinen Worten. Wenn das Geld nicht für das Lebensnotwendigste reiche, sei Selbstironie ein Weg mit den Selbstzweifeln umzugehen.

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„Billignudeln von Aldi sind besser als nichts“

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Seine Wut ist sofort da

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  • Dieser Behauptung kann ich aus eigenem Erleben nur entschieden widersprechen. Eine gesunde, ausgewogene Ernährung ist mit diesem Budget verwehrt.

  • Man muss sich finanziell einschränken, mit Hartz IV, das stimmt - jedoch nicht ernährungsphysiologisch: Sie können sich mit Hartz IV durchaus gesund ernähren.

    Gourmetküche wird es nicht geben, aber gute Hausmannskost ist möglich. Auch reichen zwei Fleischmahlzeiten pro völlig aus, mehr ist ungesund - und einmal die Woche Fisch.

    Alles in allem: einfach gesund leben: günstiges frisches Obst und Gemüse aus Region und Saison - oder warum nicht: selbst anbauen?. Es gibt so viele Möglichkeiten regional an einem Landwirtschafts- oder Gartenprojekt teilzunehmen.

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