Hartz-IV kein Lichtblick
Der Frustpegel steigt

Schweißperlen stehen auf seiner Stirn, als sich Hermann Müller* im Erdgeschoss der Düsseldorfer Arbeitsagentur über einen Computerbildschirm beugt. Strahlendes Licht fällt durch die Scheiben des Internetcenters auf die Tastatur vor ihm, mit der er sich durch die Stellenangebote klickt. Für Arbeitslose wie Müller ist die Einigung auf die Hartz-IV-Reform kein Lichtblick. Neun Jahre lang leitete er seinen eigenen Familienbetrieb – dann kam die Pleite.

DÜSSELDORF. Müller hielt sich mit Zeitarbeitsjobs über Wasser. Seit fast einem Jahr ist der hagere Mann arbeitslos. Er lebt von 600 Euro Arbeitslosengeld im Monat und einem Minijob – bei einer Insolvenzverwaltung. Ab Oktober erhält der Groß- und Einzelhandelskaufmann nur noch Arbeitslosenhilfe. „Ich bin 47 Jahre alt“, sagt er frustriert, „da hat man keine großen Hoffnungen mehr auf einen neuen Job.“ Mit dem Arbeitslosengeld II müsste er als Alleinstehender ab Januar von 345 Euro im Monat leben. Den Gedanken daran verdrängt er lieber.

„Bei vielen Langzeitarbeitslosen ist die Empörung über die Reform schon verebbt“, sagt Petra Jungen, Leiterin des Arbeitslosenzentrums in der Düsseldorfer Altstadt. Vor allem ältere Arbeitslose, die keine Stelle mehr finden, seien schon jetzt finanziell am Ende. „Sie haben die Sorge, dass alles noch schlechter wird“, meint Jungen, „viele Leute wissen nicht mehr weiter.“

Dass die Reformen eine Wende in der Arbeitsmarktpolitik bedeuten, erhöht bei vielen Betroffenen nur noch den Frust. „Die Kürzung wird für uns ein finanzielles Desaster“, sagt beispielsweise Carsten Breuer. Der 38-Jährige kann wegen eines Bandscheibenschadens nicht mehr in seinem Beruf als Rettungssanitäter arbeiten. Er hangelte sich als Verwaltungsarbeiter und Kraftfahrer von Job zu Job – und rutschte vor zweieinhalb Jahren in die Arbeitslosigkeit. Jetzt fragt er sich, wie er ohne Job für die Rente vorsorgen soll

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Von ihrer Altersvorsorge dürfen allein stehende Langzeitarbeitslose höchstens 13 000 Euro behalten, wenn sie Arbeitslosengeld II beziehen wollen. Auch ihr Vermögen müssen sie bis zur Grenze von 200 Euro je Lebensjahr aufbrauchen. Ihre finanziellen Verhältnisse müssen die Arbeitslosen künftig in einem komplizierten Formular offen legen.

Andrea Meister* ist dagegen froh, wenn sie demnächst den Antrag stellen darf. Denn die Leistung wird von der Bundesagentur für Arbeit bezahlt, anders als die Sozialhilfe, von der die 38-Jährige heute lebt. Die Termine beim Sozialamt empfindet sie als deprimierend und erniedrigend. Deswegen hilft sie sich selbst und sucht nach einem neuen Job.

*Namen von der Redaktion geändert.

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