Hass gegen Seenotretter „Ich hoffe, ihr findet den Tod im Meer“

Politiker beraten, wie der Zustrom von Migranten nach Europa gestoppt werden kann. Davon weit entfernt, kämpfen Seenotretter gegen den Tod auf dem Meer. Aus der Mitte der Gesellschaft schlägt ihnen Hass entgegen.
9 Kommentare
Zwar arbeiten die Helfer des Vereins ehrenamtlich und retten dutzenden Menschenleben, dabei sind sie jedoch enormen Belastungen ausgesetzt. Hasskommentare und Verleumdungen gehören zur Tagesordnung. Quelle: dpa
Hilfsorganisation „Iuventa Jugend Rettet“

Zwar arbeiten die Helfer des Vereins ehrenamtlich und retten dutzenden Menschenleben, dabei sind sie jedoch enormen Belastungen ausgesetzt. Hasskommentare und Verleumdungen gehören zur Tagesordnung.

(Foto: dpa)

Valetta/Rom„Seid und bleibt stark. Wir Gutmenschen lieben euch“. Auf so viel Zuspruch stößt der Verein Iuventa Jugend rettet nicht alle Tage. Seit kurzem ist die private Hilfsorganisation aus Berlin wieder auf dem Mittelmeer im Einsatz, um Flüchtlinge und andere Migranten aus Seenot zu retten. Jan, Florian oder auch Nadja haben eigentlich anderes zu tun. Doch sie konnten die täglichen Meldungen über neue Unglücke und Tote nicht mehr ertragen. Für ihr Engagement sehen sie sich nun zusehends Anfeindungen ausgesetzt. Im Internet werden als „Menschenschleuser“ oder „Volksschädlinge“ beschimpft. „Ich hoffe, ihr findet den Tod im Meer“, lautete ein Hasskommentar.

„Das ist mental extrem problematisch für ehrenamtliche Arbeit“, sagt Pauline Schmidt, Pressesprecherin des Vereins. Die Stimmung Migranten gegenüber habe sich verändert - das merke der Verein, der sich ausschließlich über Spenden finanziert, auch an der Finanzlage. Derzeit nehme die Bereitschaft, für die Hilfseinsätze im Mittelmeer ein bisschen Geld springen zu lassen, merklich ab. „Und wir brauchen 40.000 Euro im Monat, um die Rettungen durchzuführen.“

Die Idee zu Jugend rettet ist 2015 entstanden, nachdem im April rund 800 Menschen bei dem wohl tragischsten Flüchtlingsunglück ums Leben gekommen waren. Ein Jahr später unterzeichnete der Verein den Kaufvertrag für das Schiff, „Iuventa“ wurde es schließlich getauft. Drei Tage nach dem Beginn der ersten Mission werden 426 Menschen aus Seenot gerettet, die in Holz- und Schlauchbooten unterwegs waren. Seitdem haben die jungen Retter den Tod von mehr als 6500 Menschen verhindern können.

Jugend rettet muss sich wie die vielen anderen zivilen Seenotretter derzeit gegen Vorwürfe wehren, dem Geschäft der Schlepper mit ihrer Präsenz im Mittelmeer in die Hände zu spielen. Die Vorwürfe kommen nicht nur aus deutschen Wohnzimmern, sondern von ganz offizieller Seite: Ende Februar kritisierte die EU-Grenzschutzagentur Frontex die Rettungseinsätze der Hilfsorganisationen vor Libyen. Die Geschäfte krimineller Netzwerke und Schlepper sollten nicht noch dadurch unterstützt werden, dass die Migranten immer näher an der libyschen Küste von europäischen Schiffen aufgenommen würden, hatte Frontex- Chef Fabrice Leggeri in einem Interview gesagt. Das führe dazu, dass Schleuser noch mehr Migranten auf die seeuntüchtigen Boote zwängen.

Im Internet werden viele Mitglieder der Organisation öffentlich angegangen und diffamiert - in den Hasskommentaren werden sie als „Menschenschleuser“ und „Volksschändlinge“ bezeichnet. Quelle: dpa
Hass gegen Helfer

Im Internet werden viele Mitglieder der Organisation öffentlich angegangen und diffamiert - in den Hasskommentaren werden sie als „Menschenschleuser“ und „Volksschändlinge“ bezeichnet.

(Foto: dpa)

„Wir dürfen nicht zulassen, dass sich diese Aussage festsetzt“, sagt Hans-Peter Buschheuer, Sprecher der Nichtregierungsorganisation Sea Eye. „Wir sind definitiv kein Taxi für Flüchtlinge.“ Die Hypothese, die Arbeit der NGOs bringe noch mehr Menschen dazu, die Flucht nach Europa zu wagen, haben kürzlich Wissenschaftler der Universität Oxford und der UC Berkeley widerlegt. Sie errechneten, dass die Zahl der Ankünfte von Migranten in Europa zwischen 2014 und 2016 in der Zeit mit den wenigsten Such- und Rettungseinsätzen am höchsten war.

Zwei Welten prallen aufeinander
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Hass gegen Seenotretter - „Ich hoffe, ihr findet den Tod im Meer“

9 Kommentare zu "Hass gegen Seenotretter: „Ich hoffe, ihr findet den Tod im Meer“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Realistisch ist:

    "Die Geschäfte krimineller Netzwerke und Schlepper sollten nicht noch dadurch unterstützt werden, dass die Migranten immer näher an der libyschen Küste von europäischen Schiffen aufgenommen würden, hatte Frontex- Chef Fabrice Leggeri in einem Interview gesagt."

    Wenn die "Jugend" unbedingt mit dem Schiff im Mittelmeer kreuzen will, dann soll sie das von mir aus tun, jedoch nicht mit meiner Spende.

  • Dann soll Gabriel auch nicht vergessen, den anderen Teil der Schlepperkette zu unterbinden, auch wenn er sich hiermit bei seiner Klientel unbeliebt macht, denn auch die vielen Helferlein, die mit ihren Booten bereit stehen und darauf warten, den Flüchtlingen bei der Überfahrt zu helfen, locken die Migranten in ihr Unglück.

  • Anderen Menschen den Tod zu wünschen, ist schändlich !

    Fest steht aber auch, dass es zum All-Inklusiv-Angebot der Schlepper-Mafia gehört, dass gleich vor der Küste Schiffe der EU warten, die Illegale von ihren wackligen Booten aufnehmen würden.

    Wer den Menschen in der Dritten Welt wirklich helfen will, unterstützt diese in ihren Heimatländern. Das ist über kiva.org schon ab 25 Euro möglich.

  • "Aus der Mitte der Gesellschaft schlägt ihnen Hass entgegen."

    Ich glaube, ich lese nicht recht.

    Stellt sich der Autor die Mitte unserer Gesellschaft so vor, dass von dort Seenotretter als „Menschenschleuser“, „Volksschädlinge“ bezeichnet werden, denen ein „Ich hoffe, ihr findet den Tod im Meer“ gewünscht wird?

    Wenn solche Kommentare aus der Mitte einer Gesellschaft kämen, wäre es um diese Gesellschaft nicht schade, wenn sie den Löffel reicht.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Echt ein schwieriges Thema.
    Klar sollte man nicht zusehen, wie 10.000e Menschen ertrinken.
    Andererseits kann man alternativ ja keine "Frontex-Fährverbindung" einrichten, die alle gleich in
    einem Lybischen Hafen an Bord nimmt. Dann überleben natürlich alle.

    Wenn man zweifelsfrei feststellen kann, dass Boot X von Ort Y aus dem Land Z gestartet ist.
    Dann muss man aus meiner Sicht, alle einladen, Flüchtlingsboot unbrauchbar machen und die Leute wieder am Startpunkt absetzen.
    Sonst facht man doch die Hoffnung jedes Einzelnen an.
    Dann lieber legale Verfahren vom Ausland aus ermöglichen. Ne Europa Greencard oder so.
    Dann kann man gezielt steuern, wem man helfen kann und welche Mischung man einlässt.

    Und das ein Land, von dem ein Bott losgefahren ist, es verweigern kann, die Insassen wieder
    aufzunehmen kann ja nicht angehen.


  • Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.


  • Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Seenotretter sind wichtig und leisten grundsätzlich eine gute und wichtige Arbeit!

    Gerettete Flüchtlinge sollten jedoch in den Hafen zurückgebracht werden, von dem sie aufgebrochen sind und nicht nach Europa geschleust werden.

    Mit dieser einfachen Regelung werden die Pläne der "Schleuser" durchkreuzt. Wenn diese Praxis dann unter den Flüchtlingen bekannt wird, wird sich kein Flüchtling mehr auf einen Seelenverkäufer zur lebensgefährlichen Überfahrt begeben!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%