Die AOK Baden-Württemberg hat am Donnerstag mit Ärzteverbänden einen bundesweit einzigartigen Vertrag abgeschlossen, der die Behandlung beim Hausarzt für Kranke spürbar verändern soll.
HB BERLIN. Höhere Honorare, weniger Bürokratie und mehr Zeit für Patienten: Die AOK Baden-Württemberg will die Behandlung beim Hausarzt für Kranke verbessern.
Ab 1. Juli gilt er zunächst nur für Hausärzte und AOK-Versicherte im Südwesten, die sich freiwillig melden. Die Ärzte hoffen jedoch auf eine Ausweitung auch auf andere Bundesländer. „Der Vertrag steht für eine Zeitenwende“, sagte der stellvertretende AOK-Vorstandschef in Baden-Württemberg, Christopher Hermann.
Die Krankenkasse mit rund 3,7 Millionen Versicherten und rund 42 Prozent Marktanteil in dem Bundesland hatte vor dem Abschluss monatelang mit dem dortigen Hausärzteverband und dem Ärzteverbund Medi verhandelt.
Grundsätzlich neu an dem Vertrag ist, dass er das komplizierte Abrechnungssystem über die Kassenärztlichen Vereinigung mit variablen Punktwerten umgeht. Die Hausärzte, die sich bei der AOK für den Vertrag einschreiben, erhalten ihr Geld direkt von der Krankenkasse und zwar in Pauschalen nach festen Euro-Beträgen.
So gibt es für jeden eingeschriebenen AOK-Patienten in der Praxis 65 Euro Grundvergütung im Jahr. Wenn der Patient zur Behandlung erscheint, bekommt der Arzt noch einmal 40 Euro im Quartal.
Hinzu kommen können Zuschläge, zum Beispiel für besonders sparsame Medikamentenverschreibung. Im Durchschnitt könne ein Hausarzt damit pro AOK-Patient auf 80 Euro im Quartal kommen, sagte Hermann. Derzeit sind es nach Angaben des Hausärzteverbands im KV-System nur 53 Euro.
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Die Ärzte freuen sich folglich über fest kalkulierbare und höhere Honorare, wie Medi-Chef Werner Baumgärtner sagte. Außerdem sollen alle eingeschriebenen Ärzte auf eine einheitliche Software und Computerabrechnungen verpflichtet werden, die Bürokratie vermeiden und Zeit sparen sollen.
Zufriedene, besser bezahlte Ärzte - das soll auch den Patienten zugute kommen, wie Hausärztechef Ulrich Weigeldt sagte. „Es wird die tägliche Arbeit verändern.“
Die Anreize seien so gesetzt, dass es interessanter werde, sich um chronisch Kranke zu kümmern. Gesündere Patienten sollten hingegen eher Hilfe zur Selbsthilfe bekommen. Grundsätzlich aber soll mehr Zeit für Gespräche beim Arzt bleiben.
Die AOK erwartet, dass sich bis Ende 2009 mindestens 5 000 von 7 000 Hausärzten und eine Million Patienten einschreiben. Das bedeutet, dass sie sich für zwölf Monate auf einen Hausarzt festlegen, immer zuerst zu ihm gehen und sich nötigenfalls an Fachärzte überweisen lassen.
Den bei anderen Kassen üblichen Wegfall der Praxisgebühr soll es nicht geben. Es gehe nicht um „Give-aways“ wie bei den „Billigheimern“, sagte AOK-Vize Hermann.
Doch verspricht die Kasse andere Vorteile: Die Hausärzte im Programm müssen sich besonders qualifizieren, sie müssen unter anderem tägliche Akutsprechstunden und mindestens eine Abendsprechstunde pro Woche bieten.
Die AOK will mit dem Vertrag Geld sparen. Er werde die „Wirtschaftlichkeit verbessern“, sagte Vorstandschef Rolf Hoberg.
Kritiker wenden ein, solche Verträge gäben den Krankenkassen gegenüber Ärzten große Macht. Zudem stifteten sie noch mehr Verwirrung für Patienten, die sich bereits mit der Vielfalt von Rabattverträgen abmühen müssen.


