Hausarztmodell und fehlendes kaufmännisches Denken treiben niedergelassene Mediziner in die Insolvenz
Gesundheitsreform bedroht Fachärzte

Villa im Grünen, Zweitwagen und Reitpferd – für niedergelassene Ärzte sind diese Statussymbole längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Noch immer genießen Ärzte ein hohes Ansehen in der Gesellschaft, doch finanziell zwingt eine vor allem auf Kostensenkung bedachte Gesundheitspolitik immer mehr Arztpraxen in die Knie.

FRANKFURT/M. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Insolvenzanträge bei den Ärzten und Zahnärzten nach Angaben des Statistischen Bundesamts um mehr als 40 %. Damit ging bundesweit beinahe 200 Praxen die Luft aus, mehr als je zuvor. Dazu dürfte noch eine hohe Dunkelziffer von versteckten Insolvenzen kommen, bei denen Ärzte aus Altersgründen ausscheiden und einen Schuldenberg hinterlassen.

Die Gesundheitsreform verschärft die Situation noch, fürchtet die Kassenärztliche Vereinigung Hessen, besonders für die Fachärzte, bei denen der Anstieg der Insolvenzen schon im vergangenen Jahr mit mehr als 60 % besonders rasant war. Denn am Wochenende versprach die Barmer Ersatzkasse, den Versicherten die Praxisgebühr zu erlassen, wenn sie immer zuerst den Hausarzt konsultieren. Macht das Schule, dürften sich die Wartezimmer von Hals-Nasen-Ohren-Ärzten und Kardiologen bald leeren.

„In ein paar Jahren wird es niedergelassene Fachärzte nur noch in größeren medizinischen Zentren geben“, prophezeit Vlado Bicanski vom Institut für Wirtschaft und Praxis (IWP) in Münster. Wegen der oft teuren Praxisausstattung gerieten Fachärzte schon heute leicht in Liquiditätsengpässe, sagt der auf die Beratung von freiberuflichen Medizinern spezialisierte Steuerrechtler.

Eine zusätzliche Belastung für die Ärzte sieht Bicanski in dem gestiegenen Misstrauen der Banken. Mit der wirtschaftlichen Bewertung einer Arztpraxis oftmals überfordert, neigten manche Kreditinstitute dazu, den Geldhahn unvermittelt zuzudrehen. „Die Nervosität ist verständlich“, sagt Bicanski. Denn leider seien besonders gute Ärzte oftmals alles andere als geschickte Kaufleute.

„Die meisten Kollegen überlassen die Abrechnung voll und ganz der Arzthelferin“, bestätigt der Sport- und Allgemeinmediziner Richard Beitzen das kaufmännische Desinteresse vieler Ärzte. Die Folgen sind oftmals fatal. Denn während die Sach- und Personalkosten steigen und steigen, bleiben die Budgets für die Behandlung von Kassenpatienten seit Jahren annähernd stabil.

Beitzen, der früher mit drei Kolleginnen eine große Gemeinschaftspraxis in Siegburg betrieb, schlitterte selbst einmal knapp an einer Insolvenz vorbei. Das war 1996, als die Gesamtvergütung für Kassenpatienten budgetiert wurde. Die Kassenärztliche Vereinigung begann daraufhin, bestimmte Routinebehandlungen pauschal pro Patient und Quartal zu vergüten.

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