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20.02.2008 
Steuerhinterziehung

Hebt ein starker Staat die Steuermoral?

von Axel Schrinner

Im Kampf gegen Steuerhinterziehung setzt die Große Koalition auf einen starken Staat, härtere Strafen und mehr Steuerfahnder. So sprach sich die SPD-Spitze für die Überprüfung der Strafen bei Steuerhinterziehung aus. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla forderte, über eine Erhöhung der Zahl der Fahnder nachzudenken. Ein mathematisches Modell.

DÜSSELDORF. Für den Hannoveraner Finanzwissenschaftler Stefan Homburg ist das „der übliche Reflex der Politik“. Zum einen müssten die Strafen für Wirtschaftsdelikte ja im Verhältnis etwa zu Gewaltdelikten stehen. Zum anderen müsse zwischen dem „Durchschnitts- und dem Grenzertrag von Steuerfahndern unterschieden werden“. Nur wenn ein zusätzlicher Beamter tatsächlich mehr erwirtschafte, als er koste, sei der Einsatz effizient.

Dass Strafverschärfung und die Erhöhung der Aufdeckungswahrscheinlichkeit die Ehrlichkeit erhöhen, ist eine Erkenntnis der frühen 70er-Jahre. Die beiden Ökonomen Michael Allingham und Agnar Sandmo zeigten mit einem mathematischen Modell, dass härtere Strafen und eine größere Gefahr, erwischt zu werden, Hinterziehung unattraktiver machen.

Allerdings stellte eine US-Studie aus den 90er-Jahren die These völlig auf den Kopf, schärfere Kontrollen führten automatisch zu ehrlicheren Steuerbürgern. Beim Minnesota-Experiment wurde einer Gruppe von Steuerzahlern mitgeteilt, sie seien für eine Studie ausgesucht, in der die Steuererklärungen sorgfältig geprüft werden. Wenn sich Unstimmigkeiten ergäben, könne es zu Rückfragen kommen. Es sei auch möglich, dass bei ungeklärten Fragen frühere Steuererklärungen näher untersucht würden. Während ausgewählte Bürger mit geringem oder durchschnittlichem Einkommen tatsächlich höhere Einkommen deklarierten, gaben Großverdiener im Schnitt weniger zu versteuerndes Einkommen an. Ihre Steuermoral sank, obwohl das Risiko, erwischt zu werden, gestiegen war. Heerscharen von Ökonomen standen vor einem Rätsel. Nach unzähligen Zeilen in Fachzeitschriften war klar: Andere Faktoren müssen Einfluss auf die Steuermoral haben.

Offenbar empfanden es die Bewohner von Minnesota als unfair, dass gerade sie verschärft beobachtet wurden. Folglich verhielten sie sich ebenfalls unfair dem Finanzamt gegenüber, so der Kölner Finanzwissenschaftler Clemens Fuest: „Steuerhinterziehung scheint vielfach eine Trotzreaktion zu sein.“ Außerdem überschätzten viele den Nutzen. „Was kann man schon mit seinem Schwarzgeld in Liechtenstein anfangen?“, fragt Fuest. „Vererben oder hier ausgeben jedenfalls nicht.“

Für den Bonner Ökonomen Armin Falk ist Steuermoral eine Frage bedingter Kooperation. „Niemand zahlt aus purem Altruismus Steuern.“ Der Staat könne versuchen, die Kooperationsbereitschaft und so sein Steueraufkommen zu erhöhen. Großen Einfluss habe das Verhältnis eines Steuerzahlers zu anderen Steuerbürgern. „Wenn ich glaube, alle anderen zahlen ihre Steuern, dann bin auch bereit, selbst Steuern zu zahlen“, so Falk. „Bin ich aber der Auffassung, alle hinterziehen, erhöht sich meine Bereitschaft, ebenfalls zu hinterziehen.“ Für den Fiskus gibt es also zwei Gleichgewichte: ein gutes (alle zahlen) und ein schlechtes (alle hinterziehen). „Die große Gefahr aus der Zumwinkel-Affäre ist, dass sie die Steuermoral beeinträchtigt und die Hinterziehung insgesamt steigt“, betonte Falk, der die Kooperationsbereitschaft in Experimenten getestet hat.

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