Heinrich Weiss im Handelsblatt-Gespräch
„Die CDU hat ihre Wirtschaftskompetenz eingebüßt“

Der ehemalige Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Heinrich Weiss, hat die Zersplitterung der Wirtschaftsverbände in Deutschland beklagt. Dem Handelsblatt sagte Weiss, die Verbände litten darunter, dass es mit den Spitzenpolitikern keine "Gespräche über die große Linie der Politik" gebe.

Handelsblatt: Herr Weiss, Sie sind Unternehmer, waren Präsident des BDI und in der CDU. Wie bewerten Sie die derzeitige Politik in Berlin?

Heinrich Weiss: Wir brauchen die Reformen. Wir leben seit Anfang der 90er-Jahre über unsere Verhältnisse. Der Lebensstandard der Arbeitnehmer sinkt.

Ist der Umbau der SPD-Führungsspitze der richtige Weg?

Ich glaube nicht. Eine Teilung der Aufgaben kann sinnvoll sein, wenn der Regierungschef über seine Partei hinaus im Volk breite Zustimmung findet. Dann kann der zweite Mann die Partei führen. Aber das Volk hat mehrheitlich das Vertrauen in die Politik verloren. Es werden programmatische und persönliche Differenzen zwischen Schröder und Müntefering vorbestimmt sein.

Wenn es jetzt Neuwahlen gäbe: Wäre die CDU in der Lage, das Land schnell nach vorne zu bringen?

(zögert) Inzwischen ist der Misserfolg der Regierung so groß, dass jede Änderung eine Chance auf Erfolg hat. Es fehlt eine klare Führung. Wir haben in Deutschland keinen programmatischen Kopf mehr.

Auch nicht in der CDU?

Ich bezweifle, ob die CDU die Kraft für ein radikales Programm hat. Die CDU hat die Wirtschaftskompetenz eingebüßt, weil sie zu lange auf den Posten des Wirtschaftsministers verzichtet hat.

Sind Sie deshalb aus der CDU ausgetreten? Sie waren ja von 1981 bis 1993 Mitglied der Partei.

Weiss: Ich bin aus Enttäuschung über die CDU wieder ausgetreten, weil man ein echtes Sachgespräch mit der Spitze der Partei nicht führen konnte.

Sie waren von 1991 bis 1992 Präsident des BDI. Wie sehen Sie die Arbeit der großen Wirtschaftsverbände heute?

Die Verbände leiden darunter, dass es mit den Spitzenpolitikern keine Gespräche über die große Linie der Politik gibt. Schröder spricht nur mit den Spitzenmanagern der großen Konzerne. Das hat Tradition, das war schon unter Schmidt so. Politiker erreicht man heute nur noch über die Medien.

Liegt das nicht auch an der Struktur der Verbände?

Die Verbändelandschaft ist bei uns zersplittert. In England und Frankreich gibt es nur einen Spitzenverband, die haben jeweils mehr Gewicht.

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