Helmut Kohl im Interview
„Ich war ein Felsbrocken“

Helmut Kohl begleicht in seinem letzten großen Interview von 2003 offene Rechnungen und feiert sich als Vorkämpfer des Euro. Doch das jetzt ausgestrahlte Gespräch krankt an Altersschwäche – ein Problem für die Macher.
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Es geht um alte Rechnungen, um Worte, die er bewusst für Geschichtsbücher formulierte und um die Chance, mit allem aufzuräumen, was man ihm vorwarf: Altkanzler Helmut Kohl hat sein wohl letztes großes Fernsehinterview gegeben. Nicht jetzt, sondern vor zwölf Jahren. Gezeigt wird es aber erst jetzt.

Und der Zuschauer muss deshalb das Gesagte stets durch die 2003-er-Brille anschauen: Damals regierte Rot-Grün. Kanzler Gerhard Schröder boxte mit den Grünen die Agenda 2010 durch. Damals gab es noch keine Ukraine-Krise, dafür marschierten die USA gerade in den Irak ein.

Eigentlich kommen solche historischen Aufnahmen, die deutlich älter als zehn Jahre sind, im Fernsehen nur noch in kurzen Ausschnitten vor – als Bestandteile von an den gegenwärtigen Zeitgeschmack angepassten Kompilationen.

Wenn die ARD nun zu Kohls 85. Geburtstag am 3. April das dreistündige Interview aus dem Jahr 2003 sendet, hat das auch mit einer Tragik zu tun, die den Altkanzler umgibt: Der CDU-Politiker, zu dessen bekannten Aussagen auch die von der „Gnade der späten Geburt“ gehört, ist seit einem Unfall im Jahr 2008 kaum noch in der Lage, sich öffentlich zu äußern. Sein älterer Amtsvorgänger, Helmut Schmidt, dagegen äußert sich noch laufend zur aktuellen Weltpolitik, ehemaligen Affären und vielem anderen.

Daher kann die ARD das Gespräch, das die Autoren Stephan Lamby und Michael Rutz 2003 mit dem Altkanzler führten, tatsächlich Kohls „letztes großes Fernsehinterview“ nennen. Und um eine historische Gestalt handelt es sich zweifelsohne.

Deshalb läuft das alte Interview Dienstag- und Mittwochnacht ausführlich im Fernsehen (und außerdem auf weiteren Kanälen, darunter bei der vom bekannten Fernsehjournalisten Lamby, einem der beiden Interviewer, betriebenen Videoplattform dbate.de).

Kohl sitzt bei dem Gespräch in seinem Haus in Ludwigshafen-Oggersheim im Lehnstuhl vor einer Bücherwand und einer angeschalteten Stehlampe und berichtet aus seiner aktiven Zeit. Diese Bögen können auch schon mal knapp zehn Minuten des Monologs umfassen. In seine pfälzische Diktion, über die sich damals gerne lustig gemacht wurde, muss sich der Zuschauer auch etwas einhören.

Recht schnell wird es spannend. In der Kohl-Ära in der Politik ging es erheblich kämpferischer zu, als in derjenigen seiner Nachnachfolgerin Angela Merkel. Das zeigt sich bereits früh im ersten Teil des Interviews.

Die Journalisten fragen den Altkanzler nach einem geläufigen Kohl-Begriff – der „geistig-moralischen Wende“, von der er zu Beginn seiner Kanzlerschaft 1982 sprach. „Wenn wir den Amerikanern gesagt hätten, wir verweigern uns der Stationierung, wäre es eine ganz andere Bundesrepublik geworden“, antwortet Kohl.

Kommentare zu " Helmut Kohl im Interview: „Ich war ein Felsbrocken“"

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  • Helmut Kohl war der ersten reinen Politiker und dient für viele heutig tätigen Politiker in unterschiedlichsten Parteien als Vorbild.
    Ohne jemals außerhalb von Schulen/Universitäten oder Instituten einem Beruf nachgegangen zu sein wurde er direkt Politiker. Ohne Lebenserfahrung außerhalb des Politzirkus, nie den Staub der Straße geschluckt war er immer bestrebt einem die Welt zu erklären. Er hat schon sehr früh seinen politischen Elfenbeinturm erklommen und hat sich von dort oben mit seinen Familienmitglieder seine eigene ‚politische‘ Phantasiewelt zusammengesponnen. Insoweit war er der erste wirkliche Europäische Politiker. Nun sabbert der Gute in Oggersheim vor sich hin und seine Nachfolger-(in) (Merkel und Schäuble) führt sein Werk fort. Träumt von einem europäischen Kalb um das sie tanzen können und stellen sich über den Willen der eigenen Bevölkerung. Das System Kohl lebt somit weiter.

  • Interessant das Demokratieverständnis und das Verhältnis zu seinem offiziellen Arbeitgeber, welches unser Altkanzler in dem Interview offenbart.
    Da werden Menschen, die ihn mal ausgepfiffen haben als der "Pöbel" bezeichnet, und er gibt ganz offen zu, und scheint sogar stolz darauf zu sein, dass er den Euro gegen den mehrheitlichen Willen der Bevölkerung durchgedrückt hat. Eine Volksabstimmung durfte er nicht zulassen, denn die hätte er nach eigener Einschätzung verloren. Der Mann war sich also sogar bewusst, dass er gegen den mehrheitlichen Willen der Bevölkerung agierte.
    Vielleicht hätte König Kohl sich seinen Amtseid nochmal vergegenwärtigen sollen, wo doch schon Ehrenworte so hoch bei ihm im Kurs stehen...

  • Ja und wir dürfen heute den Mist ausbaden.

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