Helmut Kohl reist in die USA – und weckt die Sehnsucht nach alten Zeiten
Sondierungsbesuch bei guten Freunden

Wenn er kommt, sehen selbst Amerikaner den Mantel der Geschichte wehen: Altkanzler Helmut Kohl genießt in Washington den Status einer Polit-Ikone. „Er ist ein alter Freund der USA“, schwärmt ein hochrangiger Mitarbeiter im Weißen Haus. Und so ist es kein Wunder, dass sich die Türen öffnen, wo immer Kohl anklopft. Am Mittwoch schaute er bei Außenministerin Condoleezza Rice und ihrem Vize Robert Zoellick vorbei, gestern schlug Präsident George W. Bush mehr als eine halbe Stunde für den Gast aus Oggersheim frei.

Hb WASHINGTON. Wo Kohl auftaucht, schwingt bei den Amerikanern die Sehnsucht nach der guten alten Zeit mit. Es ist die Erinnerung an eine Ära, in der die Idee der Freiheit über den Kommunismus triumphierte und der transatlantische Draht noch kurz war.

Dahinter steckt jedoch nicht nur Nostalgie. Die US-Regierung hat insgeheim die Hoffnung, dass die Neuwahlen in Deutschland zu einem Politikwechsel führen – auch bei den deutsch-amerikanischen Beziehun-gen. Das sagt offiziell zwar niemand, doch hinter den Kulissen wird bereits spekuliert. „Angela Merkel scheint die globale Vision von Helmut Kohl zu haben“, schwärmt der ehemalige Außenstaatssekretär Richard Perle.

Das Verhältnis zu Bundeskanzler Gerhard Schröder hat sich zwar nach dem Zerwürfnis über den Irak-Krieg entspannt, aber aus US-Sicht ist es eine bemühte Normalität. Die Regierung in Washington stört vor allem der Schulterschluss zwischen dem Kanzler und Frankreichs Präsident Jacques Chirac, dem sie anti-amerikanische Absichten unterstellt. So hatte die frühere Außenstaatssekretärin Elizabeth Jones kürzlich die „Unterordnung der deutschen unter die französische Außenpolitik“ beklagt.

Präsident Bush habe sich im Ge-spräch mit Kohl stark für die innen-politische Entwicklung in Deutschland interessiert, teilten US-Regierungskreise mit. Der Ex-Kanzler habe seinen Gastgeber auch über den Stand der EU-Integration im Lichte des Verfassungsreferendums in Frankreich informiert, hieß es weiter. Selbst ein Nein der Franzosen werde den europäischen Einigungsprozess nicht aufhalten, habe Kohl betont. Dass die Union im Gegensatz zu den USA eine EU-Mitgliedschaft Ankaras ablehnt, wurde von amerikanischer Seite heruntergespielt. „Es ist ein Unterschied, ob Angela Merkel als Oppositionspolitikerin agiert oder als Kanzlerin“, unterstrich ein hochrangiger Regierungsbeamter.

Bei dem Treffen mit Außenministerin Rice sei es auch um einen möglichen Beitrag der Bundesregierung bei der Verbreitung von Demokratie gegangen, insbesondere in Osteuropa. Rice & Co. sehen den Kanzler der deutschen Wiedervereinigung als Kronzeugen für ihren Kurs, ehemaligen Diktaturen zu helfen.

Kohl malte das transatlantische Verhältnis jedoch nicht nur in rosaroten Farben. „In Europa kommt eine neue Generation an die Macht, die nicht mehr von der Kriegserfah-rung geprägt ist“, sagte der Altkanz-ler bei einer privaten Einladung in den Räumen der Investmentbank Goldman Sachs. Das präge die Haltung von Politikern zu Fragen der Globalisierung wie zu Militäreinsät-zen. Als er Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz gewesen sei, hätten bis zu 500 000 US-Soldaten in Deutschland gelebt. „Da gab es viele zwischenmenschliche Beziehungen, doch diese Zeiten sind vorbei“, erklärte Kohl. Seiner Popularität bei den Amerikanern tun derlei Bemer-kungen keinen Abbruch: Für sie bleibt er der Turbo-Atlantiker.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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