Helmut Kohl und die CDU
Der Vierteljahrhundert-Parteivorsitzende

Helmut Kohl hat die CDU geprägt wie sonst nur Konrad Adenauer und derzeit Angela Merkel. Was bleibt von dem Altbundeskanzler in der Partei, der er ein Vierteljahrhundert vorstand?
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BerlinWer in den vergangenen Jahren die CDU näher beobachtet und mit ihren Vertretern gesprochen hat, der hörte kaum noch den Namen Helmut Kohl. Das Tagesgeschäft ließ kaum Zeit zum Durchatmen. Der Alt-Kanzler selbst vermochte es leider kaum noch, sich zu artikulieren. Dabei hätte er der Partei und auch dem Land an der einen oder anderen Stelle Orientierung geben können, so wie es Helmut Schmidt bis zu seinem Tod tat.

20 Jahre Konrad Adenauer, 25 Jahre Helmut Kohl, 17 Jahre Angela Merkel: Die CDU hat Erfahrung damit, dass ihre Parteivorsitzende viele Jahre wirken. Helmut Kohl prägte die CDU in besonderer Weise.

Ausgewählte Weggefährten und Politiker aus seinem alten Landesverband, wie etwa die stellvertretende Bundesvorsitzende Julia Klöckner, besuchten ihn auch zuletzt noch regelmäßig. Klöckner schickte sich erst vergangenes Jahr an, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz zu werden und damit in die Fußstapfen des Staatsmanns Kohl zu treten, der ihr als Ratgeber zur Seite stand.

All die Besucher berichteten, dass Kohl sehr wohl das politische Geschehen in Deutschland und der Welt weiter beobachtete. „Helmut Kohl war nicht mehr der Sprache mächtig, aber Helmut Kohl hatte nicht seinen Kopf verloren“, sagt etwa der ehemalige Ministerpräsident Roland Koch, der 1983 Chef der Jungen Union war, als Kohl die Kanzlerschaft übernahm und sich selbst stolz einen bekennenden „Kohlianer“ nannte. Kohls Frau half ihrem Mann bei den Treffen dabei, seine Gedanken zu formulieren. So hatte er etwa auch noch in der Flüchtlingskrise den ungarischen Staatschef Victor Orban empfangen, dem er seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden ist.

Auch, wenn Kohl offiziell kein Ratgeber mehr sein konnte und wegen der Parteispendenaffäre nicht nur seinen Ehrenvorsitz verlor, sondern auch den Kontakt zu Angela Merkel und obendrein zu Wolfgang Schäuble, so lebte doch einiges von Kohl in der Partei weiter. Zum einen ist da das stürmische Rebellentum seiner Anfangsjahre, das auch die Jüngeren in der Partei zelebrieren, um Aufmerksamkeit zu erlangen und den Etablierten Beine zu machen. Kohl tat dies als junger Politiker, trat mit seinem ersten großen Machtzuwachs als Reformator der Union auf und sorgte so dafür, dass die CDU „die große Volkspartei der Mitte“ wurde, wie es Jürgen Rüttgers, einst Zukunftsminister unter Kohl und später Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, nennt. Die heutige Landesvorsitzende Klöckner erklärte, unter Kohls Führung sei die CDU „eine moderne Programm- und Volkspartei“ geworden und Rheinlandpfalz „Idee- und Talentschmiede der Republik“ gewesen.

Dies freilich ist die CDU heute nicht mehr. Im Gegenteil: Sie erscheint eher als Verwalter, denn als Gestalter mit einem klaren Kompass, der auch in unruhigen Zeiten den Weg ans rettende Ufer weist. Bevor Kohl Bundeskanzler wurde, diskutierte die CDU etwa die „neue soziale Frage“, um Kapital und Arbeit zu versöhnen. Auch heute wäre es an der Zeit, angesichts der Digitalisierung, Flüchtlingen und sinkenden Renten diese „neue soziale Frage“ zu diskutieren und zu beantworten. Damals war die CDU in der Opposition, heute regiert sie, da fällt weitsichtiger Reformeifer traditionell schwerer, auch unter Kohl war dies so. Dies sei zur Entschuldigung gesagt. Doch wäre eine neue Debattenkultur in einer Regierungspartei eine Lehre aus einer so langen Regierungszeit, wie Helmut Kohl sie mit seinen 16 Jahren erreicht hat und die Angela Merkel bei einer erneuten Kanzlerschaft im Herbst auch bei ihrem Eintrag in die Geschichtsbücher erreichen kann.

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