Helmut Kohl und die deutschen Wirtschaftsgrößen
„Die bauen doch eine Scheiße nach der anderen“

Der Altkanzler lästert in seinen unautorisierten Memoiren über Größen der deutschen Wirtschaft. Flughafen-Chef Mehdorn ist der große Kiesel und an der Deutsche-Bank-Führung lässt der einst mächtige Mann kein gutes Haar.
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DüsseldorfHelmut Kohl hat an seinen politischen Freunden das eine oder andere auszusetzen gehabt – das wissen wir, spätestens seit die Journalisten Heribert Schwan und Tilman Jens vor einigen Tagen die „Kohl-Protokolle“ veröffentlicht haben und die Abrechnung mit Angela Merkel oder Heiner Geißler in aller Munde war.

Doch der Altkanzler hat noch mehr erzählt. Auch Wirtschaftsgrößen sind vor seinen Lästereien nicht sicher, tote wie höchst lebendige. Hartmut Mehdorn zum Beispiel, der es zur Zeit am Flughafen Berlin richten soll, bekommt bei Kohl sein Fett weg: Der Mann sei „kein Felsbrocken, sondern ein Riesenkiesel“, stellt er bündig fest.

Die „Kohl-Protokolle“ sind entstanden, als Journalist Schwan in den Jahren 2001 und 2002 im Keller des Oggersheimer Häuschens, in dem Kohl lebt, Gespräch über Gespräch mit dem Politiker führte, der als Kanzler abgewählt und als Abgeordneter und Ehrenvorsitzender der CDU durch seine Spendenaffäre in Ungnade gefallen war. Es war eine bittere Zeit für den ehemals mächtigsten Mann Deutschlands, und Schwan fing die Stimmung auf Tonbändern ein, die die Grundlage für Kohls mehrbändige Memoiren bilden.

Neben dem offiziellen Werk sind allerdings auch die unautorisierten Protokolle nun als Buch herausgekommen. Der Veröffentlichung war ein jahrelanger Rechtsstreit vorausgegangen, den der inzwischen schwer erkrankte Ex-Kanzler und seine zweite Frau Maike Kohl-Richter angestrengt hatten. Sie versuchten das Buch zu verhindern, gaben aber diesen Monat auf und zogen ihre Klage zurück. Das umstrittene Werk, das einzelne Passagen aus den Protokollen und stark kommentierende, aber durchweg faire Anmerkungen von Schwan und dem Co-Autor Tilman Jens enthält, ist inzwischen im Handel.

Während er in den Protokollen Mehdorn nur jene fünf charakterisierenden Wörter widmet, holt Kohl bei der Beschreibung der Deutschland AG und besonders ihres ersten Geldhauses, der Deutschen Bank, länger aus. „Die Industrie hat doch nichts mehr drauf“, sagt er. „Das sind Leute, die nichts mehr wagen und riskieren. Das ist doch eine Freizeitgesellschaft geworden. Wer golft den freitagsmittags in Marbella und fliegt mit dem Firmenflugzeug dorthin? Das ist doch diese ganze Mischpoke.“

Und dann zu den Banken: „Was für eine Bank ist denn die Deutsche Bank geworden? Ist ihr Vorstand noch Elite? Die bauen doch eine Scheiße nach der anderen.“ Zur Erinnerung: Die Einschätzung stammt aus einer Zeit zu Beginn dieses Jahrhunderts, als sich die Bank im Streit mit dem damaligen Medienmogul Leo Kirch befand. Ihr Chef Rolf Breuer hatte eben sein umstrittenes Interview gegeben, das Kirch später für seine Pleite verantwortlich machte. Kohl zählte Leo Kirch zum inneren Zirkel seiner Ratgeber, wie aus den Protokollen hervorgeht. Den Vorvorgänger von Breuer, Alfred Herrhausen, bezeichnet er als „engen Freund von mir“. Doch danach scheint er das Vertrauen in die Finanzelite verloren zu haben.

Seite 1:

„Die bauen doch eine Scheiße nach der anderen“

Seite 2:

Hannelore war eine „Verkaufsbombe sondergleichen“

Kommentare zu " Helmut Kohl und die deutschen Wirtschaftsgrößen: „Die bauen doch eine Scheiße nach der anderen“"

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  • @ Margrit Steer „hiermit hat er allerdings Recht“

    Nur oberflächlich betrachtet. Er hat zwar bemängelt, das D sich wie ein kollektiver Freizeitpark darstellt, doch war seine Regierungszeit lang genug, um nicht nur die Pflöcke dafür einzuschlagen, sondern dies auch noch mit Leben zu erfüllen. Daß die „Firmen“ nichts mehr wagen, liegt auch mit in seiner Regierungszeit begründet, denn alle EU-Verhandlungen für Basel I usw begannen in seiner Regierungszeit. Was hat er dagegen unternommen? Nichts. Was die Vorteilsnahme von Firmeneinrichtungen betrifft, sollte sich jeder Politiker an die eigene Nase fassen, denn die ist dort fest etabliert, die haben nicht einmal ein schlechtes Gewissen dabei.
    Alte Politiker, wie z.B. Kohl, sollten sich mit derartigen Urteilen und Kommentaren sehr zurückhalten und lieber den Mund halten, denn in den meisten Fällen haben sie an den Zuständen, wie sie heute sind, nach Kräften mitgearbeitet.

  • Dem Eindruck Kohls kann man sich schlecht erwehren, während er eines nicht genannt hat, und das ist die Verrohung der Sitten und des Anstandes, mit den vielen nachrückenden Zombies.
    Es ist so weit daß bei Unternehmen mit fehlenden Innovationen oder fehlender Bereitschaft um in eigene Produkte zu investieren, ganz einfach schamlos geklaut und kopiert wird, Patentrechte verletzt werden weil der Kleine sich gegen den Großen bei einer bananenrepublikmäßigen Rechtsprechung nicht mehr in der Lage ist durch zu setzen. Man hat offensichtlich sehr schnell chinesische Methoden adoptiert. Eine erbärmliche Schau, wenn manche Maschinenbauunternehmen in den Schwellenländern auf Ideenklau gehen und das als ihre "Errungenschaften" mit den Argumenten der Ideengeber anpreisen.

  • Die Industrie hat doch nichts mehr drauf“, sagt er. „Das sind Leute, die nichts mehr wagen und riskieren. Das ist doch eine Freizeitgesellschaft geworden. Wer golft den freitagsmittags in Marbella und fliegt mit dem Firmenflugzeug dorthin? Das ist doch diese ganze Mischpoke.“
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    hiermit hat er allerdings Recht

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