Helmut Schmidt – ein Nachruf
Eine Legende ist geboren

Helmut Schmidt ist gestorben und die Vergleiche können gar nicht groß genug sein: Der Lotse geht von Bord. Der Welterklärer verstummt. Der Altkanzler hat für jeden von uns etwas anderes bedeutet. Was bedeutet er für Sie?
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Große Deutsche. Helmut Schmidt ist einer davon. Er hat sich niemals kleinmachen lassen, er ist so groß, dass es schwer ist, sich ihm zu nähern. Er ist ein Denkmal. Ein sympathisches, ein ehrwürdiges, ein qualmendes. Vielleicht gibt es doch einen Zugang.

Ich entsinne mich an meine Großeltern, schwarz im Herzen, Kriegsgeneration, sie hatten genug von großen Umbrüchen und kleinen Aufbrüchen. Und dann kam da dieser Helmut Schmidt, „Schmidt Schnauze“ nannten sie ihn, weil er schlagfertig auf den Punkt kam. Ihnen imponierte das Hanseatische, das der Mann ausstrahlte. Weil er außer der Schirmmütze so wenig von einem Genossen hatte, wurde mit diesem Mann an der Spitze für die Generation meiner Großeltern mit einmal die SPD wählbar.

Er hatte, wie der damalige Parteichef Herbert Wehner einmal abfällig bemerkte, Solidarität nicht in der Arbeiterbewegung, sondern im Offiziers-Casino gelernt. Schmidt war der erste SPD-Chef, der diesen neuen Typ verkörperte: Einen, den die Konservativen akzeptierten, weil er Verantwortung einforderte und Verantwortlichkeit ausstrahlte. Schröder, Steinbrück, Gabriel – die SPD bringt seither immer wieder solche Kandidaten hervor. In der Partei oft ungeliebt, dafür bei der Mitte der Wähler akzeptiert. Dort, wo Wahlen entschieden werden.

Ich entsinne mich an einen Namen: Mogadishu. Niemals vorher hatte ich von dieser Stadt gehört und dann landete dort 1977 ein entführtes deutsches Flugzeug. Die Kidnapper wollten RAF-Gefangene freipressen und ein Nervenkrieg begann. Zum ersten Mal hörte ich von einer Truppe namens GSG 9, auf einmal gab es andere Helden und Verbrecher im Kinderzimmer, und es gab die Eltern, die vor dem Fernsehgerät bangten. Und es gab diesen Kanzler, der sichtlich angespannt Interviews gab, aber zu keiner Zeit durchblicken ließ, dass er die Situation möglicherweise nicht im Griff haben könnte. Das Niederringen des RAF-Terrors, es war der Sieg Helmut Schmidts.

Schwieriger war da schon das Jahr 1979: Der Kalte Krieg wurde von Tag zu Tag kälter, die Nato kündigte an, Pershings in Westeuropa zu stationieren – das waren Raketen mit Atomsprengköpfen. Gleichzeitig wollte die Nato, dass die Supermächte übers Abrüsten sprechen. Abrüsten durch Aufrüsten: Dieser Logik verweigerten sich meine Mitschüler. 1981 demonstrierten im Bonner Hofgarten 350.000 Menschen gegen diese Strategie. 350.000, die sich ohne Smartphone und soziale Netzwerke verabredet hatten und allein wegen dieser gemeinsamen Idee zusammenkamen. Ihr Gegner: Helmut Schmidt. Schon allein wegen seiner Standhaftigkeit gehörte ich zu denen, die ihn bewunderten.

Und dann war er weg und dieser Pfälzer, über den wir zu Hause immer Witze gemacht hatten, ersetzte ihn. Es war ein Lehrbeispiel in Machtpolitik, das wir da vorgesetzt bekamen. Der Bessere muss gehen, weil er sich keinen politischen Rückhalt mehr verschaffen konnte. Der Lotse ging von Bord.

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Abschied von Helmut Schmidt

Der Altkanzler ist am 10. November 2015 im Alter von 96 Jahren in Hamburg gestorben. Das Handelsblatt blickt in einer Sonderausgabe zurück auf sein Leben und Wirken.

Lesen Sie unter anderem:

  • Was für ein Mensch! – Nachruf auf einen großen Deutschen. Von Gabor Steingart
  • „Europa ist der unerlässliche Rahmen“ – Woran sich die deutsche Politik unter Schmidt auszurichten hatte. Von Hans-Jürgen Jakobs
  • Der unbequeme Welterklärer – Erst im Alter wurde Schmidt zum bewunderten Klartextredner. Von Sven Afhüppe
  • Einfach nur die Spur halten – Wo Schmidt im Vergleich mit Adenauer, Brandt, Schröder und Merkel steht. Von Arnulf Baring

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    Ich fing an zu ahnen, dass Politik möglicherweise ein schmutziges Geschäft sein könnte. Während Helmut Kohl agierte und anfangs wie befürchtet von Fettnapf zu Fettnapf sprang, reifte Helmut Schmidt zum Kanzler a.D.. Später erlebte ich ihn auf der Bühne im Gespräch mit Frank Schirrmacher, dem Herausgeber der FAZ. Schmidt erklärte die Welt, was sonst? China habe weniger Kriege angefangen und geführt als die USA, sagte er und keiner von uns im Saal konnte ihm widersprechen. Wenn das Denkmal spricht, widerspricht man nicht? Nein. Der Mann hatte einfach zu oft recht – und da er alt war und weise – kam er nicht wie ein Rechthaber rüber.

    Jetzt ist er tot. Er fehlt nicht so sehr auf den Bühnen und in den Feuilletons, aber er fehlt in unserem Denken, das die Konstanten speichert. Dort stand er wie eine schmale, rauchende, kleinere, alte Ausgabe von Herkules, aber er musste ja auch nicht die Welt stützen, sondern nur Deutschland. Und an sich eher die alte Bundesrepublik. Das neue, größere Deutschland konnte er erklären, aber er musste es nicht mehr halten. Mit 96 Jahren hat er jetzt endgültig losgelassen.

    Oliver Stock
    Oliver Stock
    Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

    Kommentare zu " Helmut Schmidt – ein Nachruf: Eine Legende ist geboren"

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    • Was den Staatsmann Helmut Schmidt ausmachte, war vor allem seine nüchterne und tiefgründige Analyse, die Orientierung an politischen Realitäten, statt an träumerischen Illusionen und sein konsequentes Handeln, auch wenn er mit der Mehrheitsmeinung seiner Partei nicht übereinstimmte, wie etwa beim NATO Doppelbeschluß. Daß er nach seinem Wertkompaß sich stets verpflichtet fühlte, der Bevölkerung auch unangenehme Wahrheiten deutlich zu machen, statt die in der Politik so oft übliche Schönfärberei zu betreiben, gehört zu den herausragenden Eigenschaften seines Charakters.
      Politiker seiner Art fehlen heute - nicht nur in Deutschland oder in Europa.

    • Herr Otto, wo haben Sie denn die deutsche Sprache gelernt? Ihr Standard ist ja grauenhaft. Da hilft nur eins: üben, üben, üben. Derzeit finden ja viele Deutschkurse für Flüchtllinge statt. Na, wie wäre es mit einer Teilnahme zur Verbesserung Ihrer Kenntnisse.

    • Helmut Schmidt ist gestorben, ein Verlust für Deutschland.
      Seine gradlinigen Gedanken leben weiter. So diese:

      Die Dummheit von Regierungen sollte niemals unterschätzt werden. und

      Von jedem, der sich um das Amt des Kanzlers bewirbt, ist zu verlangen, dass er dem Volk die bittere Wahrheit sagt

      Unvergessen auch sein Spruch "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen". Dazu sagte er allerdings selber: das war eine pampige, Antwort auf eine dusslige Frage.


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