Helmut Schmidt – ein Nachruf

Eine Legende ist geboren

Helmut Schmidt ist gestorben und die Vergleiche können gar nicht groß genug sein: Der Lotse geht von Bord. Der Welterklärer verstummt. Der Altkanzler hat für jeden von uns etwas anderes bedeutet. Was bedeutet er für Sie?
22 Kommentare
Der Altkanzler ist tot.
Helmut Schmidt

Der Altkanzler ist tot.

Große Deutsche. Helmut Schmidt ist einer davon. Er hat sich niemals kleinmachen lassen, er ist so groß, dass es schwer ist, sich ihm zu nähern. Er ist ein Denkmal. Ein sympathisches, ein ehrwürdiges, ein qualmendes. Vielleicht gibt es doch einen Zugang.

Ich entsinne mich an meine Großeltern, schwarz im Herzen, Kriegsgeneration, sie hatten genug von großen Umbrüchen und kleinen Aufbrüchen. Und dann kam da dieser Helmut Schmidt, „Schmidt Schnauze“ nannten sie ihn, weil er schlagfertig auf den Punkt kam. Ihnen imponierte das Hanseatische, das der Mann ausstrahlte. Weil er außer der Schirmmütze so wenig von einem Genossen hatte, wurde mit diesem Mann an der Spitze für die Generation meiner Großeltern mit einmal die SPD wählbar.

Oliver Stock, stellvertretender Chefredakteur Handelsblatt. Quelle:
Oliver Stock

Oliver Stock, stellvertretender Chefredakteur Handelsblatt.

Er hatte, wie der damalige Parteichef Herbert Wehner einmal abfällig bemerkte, Solidarität nicht in der Arbeiterbewegung, sondern im Offiziers-Casino gelernt. Schmidt war der erste SPD-Chef, der diesen neuen Typ verkörperte: Einen, den die Konservativen akzeptierten, weil er Verantwortung einforderte und Verantwortlichkeit ausstrahlte. Schröder, Steinbrück, Gabriel – die SPD bringt seither immer wieder solche Kandidaten hervor. In der Partei oft ungeliebt, dafür bei der Mitte der Wähler akzeptiert. Dort, wo Wahlen entschieden werden.

Ich entsinne mich an einen Namen: Mogadishu. Niemals vorher hatte ich von dieser Stadt gehört und dann landete dort 1977 ein entführtes deutsches Flugzeug. Die Kidnapper wollten RAF-Gefangene freipressen und ein Nervenkrieg begann. Zum ersten Mal hörte ich von einer Truppe namens GSG 9, auf einmal gab es andere Helden und Verbrecher im Kinderzimmer, und es gab die Eltern, die vor dem Fernsehgerät bangten. Und es gab diesen Kanzler, der sichtlich angespannt Interviews gab, aber zu keiner Zeit durchblicken ließ, dass er die Situation möglicherweise nicht im Griff haben könnte. Das Niederringen des RAF-Terrors, es war der Sieg Helmut Schmidts.

Schwieriger war da schon das Jahr 1979: Der Kalte Krieg wurde von Tag zu Tag kälter, die Nato kündigte an, Pershings in Westeuropa zu stationieren – das waren Raketen mit Atomsprengköpfen. Gleichzeitig wollte die Nato, dass die Supermächte übers Abrüsten sprechen. Abrüsten durch Aufrüsten: Dieser Logik verweigerten sich meine Mitschüler. 1981 demonstrierten im Bonner Hofgarten 350.000 Menschen gegen diese Strategie. 350.000, die sich ohne Smartphone und soziale Netzwerke verabredet hatten und allein wegen dieser gemeinsamen Idee zusammenkamen. Ihr Gegner: Helmut Schmidt. Schon allein wegen seiner Standhaftigkeit gehörte ich zu denen, die ihn bewunderten.

Und dann war er weg und dieser Pfälzer, über den wir zu Hause immer Witze gemacht hatten, ersetzte ihn. Es war ein Lehrbeispiel in Machtpolitik, das wir da vorgesetzt bekamen. Der Bessere muss gehen, weil er sich keinen politischen Rückhalt mehr verschaffen konnte. Der Lotse ging von Bord.

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Abschied von Helmut Schmidt

Der Altkanzler ist am 10. November 2015 im Alter von 96 Jahren in Hamburg gestorben. Das Handelsblatt blickt in einer Sonderausgabe zurück auf sein Leben und Wirken.

Lesen Sie unter anderem:

  • Was für ein Mensch! – Nachruf auf einen großen Deutschen. Von Gabor Steingart
  • „Europa ist der unerlässliche Rahmen“ – Woran sich die deutsche Politik unter Schmidt auszurichten hatte. Von Hans-Jürgen Jakobs
  • Der unbequeme Welterklärer – Erst im Alter wurde Schmidt zum bewunderten Klartextredner. Von Sven Afhüppe
  • Einfach nur die Spur halten – Wo Schmidt im Vergleich mit Adenauer, Brandt, Schröder und Merkel steht. Von Arnulf Baring

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    Ich fing an zu ahnen, dass Politik möglicherweise ein schmutziges Geschäft sein könnte. Während Helmut Kohl agierte und anfangs wie befürchtet von Fettnapf zu Fettnapf sprang, reifte Helmut Schmidt zum Kanzler a.D.. Später erlebte ich ihn auf der Bühne im Gespräch mit Frank Schirrmacher, dem Herausgeber der FAZ. Schmidt erklärte die Welt, was sonst? China habe weniger Kriege angefangen und geführt als die USA, sagte er und keiner von uns im Saal konnte ihm widersprechen. Wenn das Denkmal spricht, widerspricht man nicht? Nein. Der Mann hatte einfach zu oft recht – und da er alt war und weise – kam er nicht wie ein Rechthaber rüber.

    Jetzt ist er tot. Er fehlt nicht so sehr auf den Bühnen und in den Feuilletons, aber er fehlt in unserem Denken, das die Konstanten speichert. Dort stand er wie eine schmale, rauchende, kleinere, alte Ausgabe von Herkules, aber er musste ja auch nicht die Welt stützen, sondern nur Deutschland. Und an sich eher die alte Bundesrepublik. Das neue, größere Deutschland konnte er erklären, aber er musste es nicht mehr halten. Mit 96 Jahren hat er jetzt endgültig losgelassen.

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    22 Kommentare zu "Helmut Schmidt – ein Nachruf: Eine Legende ist geboren"

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    • Was den Staatsmann Helmut Schmidt ausmachte, war vor allem seine nüchterne und tiefgründige Analyse, die Orientierung an politischen Realitäten, statt an träumerischen Illusionen und sein konsequentes Handeln, auch wenn er mit der Mehrheitsmeinung seiner Partei nicht übereinstimmte, wie etwa beim NATO Doppelbeschluß. Daß er nach seinem Wertkompaß sich stets verpflichtet fühlte, der Bevölkerung auch unangenehme Wahrheiten deutlich zu machen, statt die in der Politik so oft übliche Schönfärberei zu betreiben, gehört zu den herausragenden Eigenschaften seines Charakters.
      Politiker seiner Art fehlen heute - nicht nur in Deutschland oder in Europa.

    • Herr Otto, wo haben Sie denn die deutsche Sprache gelernt? Ihr Standard ist ja grauenhaft. Da hilft nur eins: üben, üben, üben. Derzeit finden ja viele Deutschkurse für Flüchtllinge statt. Na, wie wäre es mit einer Teilnahme zur Verbesserung Ihrer Kenntnisse.

    • Helmut Schmidt ist gestorben, ein Verlust für Deutschland.
      Seine gradlinigen Gedanken leben weiter. So diese:

      Die Dummheit von Regierungen sollte niemals unterschätzt werden. und

      Von jedem, der sich um das Amt des Kanzlers bewirbt, ist zu verlangen, dass er dem Volk die bittere Wahrheit sagt

      Unvergessen auch sein Spruch "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen". Dazu sagte er allerdings selber: das war eine pampige, Antwort auf eine dusslige Frage.


    • Nachtrag:
      Ich denke es war seine Geradlinigkeit und Ehrlichkeit, die ihm ein so langes und wie ich denke erfülltes Leben geschenkt haben und die es ihm bis zuletzt immer noch ermöglicht haben seine "schnauze" aufzumachen und sich zu allem zu Äussern was ihm Äusserungswürdig erschien. Das unterscheidet ihn ganz entschieden von allen seinen Nachfolgern, die wohl alle mit der Angst und sorge weiterleben müssen, dass sie für das was sie in ihrer amtszeit "Anderen" angetan haben vieleicht doch irgendwann zur Rechenschaft gezogen werden.
      Schröder hat immerhin schon eingestanden, dass der von ihm mit befeuerte Krieg in Jugoslawien völkerrechtswidrig war.

    • sorry, aber um rechtschschreibungt kümmern sich normalerweise meine Mitarbeiter. Hier aber ist es privat.

      Hmm, iwi kommt es mir vor, dass sie mich hier auf den Arm nehmen wollen. am Ende der Regierungszeit von HS war man ganz kurz davor, dass man selbst die Beamtengehälter nicht mehr beahlen konnte und viele Firmen haben Verträge mit der Klausel abgeschlossen, dass sie wirkungslos werden, wenn HS noch länger im amt bleiben sollte. Konkfrret waren es u.a. Kaufverträge zu Daimler LKW's.

      Sorry, wenn ihnen schlecht wird, war nicht meine Absicht.

    • Sein Abgang steht für den Abgang der Sozialdemokratie in Deutschland. sowohl aktuell als auch damals bei seinem Sturz als Kanzler. Es war die "Drei-Punkte-partei" FDP unter Genscher, die ihn trotz gegenteiliger Wahlversprechen damals an Helmut Kohl "verraten" hatte. Und damit began auch in D der siegeszug des Neoliberalismus, der von der ursprünglichen Idee der sozialen Marktwirtschaft mittlerweile nur noch rudimente zurückgelassen hat. Eigentlich ein übler Treppenwitz der Geschichte, dass gerade der letzte Geradlinig Ehrliche Sozialdemokrat durch Verrat aus dem Amt verdrängt wurde.
      Sein SPD-Kanzler-Nachfolger Schröder hatte zwar die Bilderbuchkarriere des armen Arbeiterkindes mit alleinerziehender Mutter bis ganz nach oben ganz nach Willi Brandts Vermächtnis des "Wohlstand für Alle" hingelegt, aber völlig unsozialdemokratisch phasziniert und beeindruckt von den neoliberalen Versorechen des "dritten Weges" des Toni Blair und hat deshalb alle Schleusen für die Eskapaden und finanziellen Desaster der Bankster geöffnet. Und ein ganzes jahrzehnt der Umverteilung von unten nach oben. Der Gerhard hat immer mit beiden Händen zugegriffen wenn es etwas zu holen gab.
      Und was da aktuell sich offiziell als Schmidt-Nachfolger in der Öffentlichkeit darzustellen versucht, da graust es einem ja nur noch. Der Dicke hat als wandelndes Gegenteil bisher noch kaum eine Gelegenheit zum Verrat ausgelassen, wenns der eigenen karriere dienlich schien. Er steht für die personifizierte Abschaffung des Prinzips der Opposition in der deutschen Politik, das wandelnde Abbild des:
      "Wer hat uns verraten? ........."

    • Herr Otto, wenn ich Ihre Kommentare lese, dann wird einem nur schlecht, was Sie Unqualifiziertes schreiben. Wann hat denn der Staatsbankrott der BRD stattgefunden? Und wenn Sie sich schon zu Herrn Schmidt äußern, sollten Sie seinen Namen zumindest richtig schreiben.

      Gestern haben Sie übrigens bei der Anzahl der Kommentare zum Artikel "CDU-Politiker warnt Merkel vor Jahrhundertfehler“ mit elf Kommentaren gewonnen. Stil und Orthographie allerdings mangelhaft.


    • Helmut Schmidt wird als parteiübergreifender Krisenmanager in die Geschichte der deutschen Bundeskanzler eingehen. Dafür Danke und gute Reise!

      (Es reicht eben nicht, über die roten Teppiche dieser Welt zu watscheln, das Scheckbuch zu zücken, und das Vermögen, welches sich die Deutschen mit Fleiß und Intelligenz in 70 Jahren erarbeitet haben, großzügig zu verstreuen).

    • Was mir einfällt, wenn ich an Schmidts Kanzlerschaft denke: Mogadishu, Schleyer-Entführung, Sonntags-Fahrverbote in der Ölkrise, Nato-Doppelbeschluss. Politische Entscheidungen können weh tun. Aber anders als die nach ihm hat er keinen Unterschied zwischen reich und arm gemacht. Die Sonntags-Fahrverbote haben alle getroffen, und nicht nur die Armen, Schleyer ist nicht frei gekauft worden. Das war die gute Seite an Schmidt. Er war ein Meister der Selbstbeweihräucherung, im wahrsten Sinne des Wortes, aber das gehört wohl zum Geschäft. Aber dann war da noch der Satz: "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen". Der war gemünzt auf irgendwelche Schwätzer, aber die Folge war, ein visionsfreies Regieren, bis heute.

      Schmidt war intellektuell gewandt, belesen, von großer außenpolitischer Weitsicht, wo Realitätssinn des Machbaren gefragt ist, aber eine Vision, wohin die Reise gehen soll, die hatte er nicht. Aufgrund seines Intellekts und seines Selbstbewusstseins hat er alle diejenigen ins Abseits gestellt, die voller Fragen und Zweifel nach vorne gehen wollen. Es war Schmidt, der die SPD ruiniert hat, es war Schmidt der die Ideenlosigkeit zum Programm gemacht hat. Kohl konnte Schmidt mit Argumenten nie das Wasser reichen, aber wen hat Kohl nachgezogen: Geißler, Süßmuth, Biedenkopf, Blüm, Merkel, Schäuble (obwohl sie ihm alle mehr oder weniger spinnefeind waren). Alles auf ihre Art autenthische Persönlichkeiten. Wen hat Schmidt nachgezogen: Scharping, Schröder, Eichel, Gabriel, Steinmeyer, Steinbrück. Eine Kolonne von selbstverliebten Angebern. Nicht jeder mag Lafontaine, aber in diese Kolonne des Grauens passte er nicht. Ein brillianter Kopf erhebt das Mittelmaß zum Maß aller Dinge. Das ist die Tragik von Helmut Schmidt.

    • Mich verbindet mit Helmut Schmidt die Flutkatstrophe -Anfang der 60 Jahre -, die Rentenkürzung um 25% um 1977 und die vervierfachung der Staatsschulden - beginnend bei Willy Brandt 1969 1. Schulden-
      haushalt der Republik - bis 1981 - auflösen der Koaliation-

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