Helmut Schmidt in Berlin
Bitte keine Tagespolitik

Einen „alten Mann ohne Einfluss“ nennt sich Helmut Schmidt selbst. Wer den Altkanzler in Berlin bei der Vorstellung seines neues Buchs „Außer Dienst“ erleben konnte, wird diese Selbsteinschätzung wohl nicht teilen wollen.

BERLIN. Das Berliner Leben unterteilt sich an diesem Abend in Parallelwelten. Vor dem Friedrichstadtpalast in der Mitte Berlins liegt ein roter Teppich. Fußgänger und Fotografen drängeln sich entlang der Absperrung. „Udo, hierher schauen“, rufen die Fotografen und: „Helene!“ Kamerateams stolpern rückwärts den Teppich entlang, um die Ankunft von Udo Jürgens und der Sängerin Helene Fischer zu filmen. Auch Bundespräsident Horst Köhler kommt an diesem Abend zur Verleihung der „Goldenen Henne“, eine Art „Bambi“ des Ostens, gesponsert vom Mitteldeutschen Rundfunk und dem Klatschblatt „SuperIllu“.

Es ist der Ort der Roben und Galen, der Smokings und feinen Anzüge. Es ist 21. Jahrhundert, das Hier und Jetzt, die Welt, in der immer noch nach Gottfried Keller Kleider Leute machen. Gut hundert Meter entfernt vom Jahrmarkt der Eitelkeiten stehen Menschen in Cordanzügen, Wollpullis, munitioniert mit Rucksäcken und Plastiktaschen vorm Berliner Ensemble, dem Haus- und Hoftheater Bertolt Brechts. Hier stehen sie in Grüppchen vorm Eingang und reden leise. Es fallen Namen wie „Kohl“ und Genscher“. Ein Einzelner hält ein Schild hoch: „Suche zwei Karten!“. Einige trinken noch schnell ein Bier, maximal einen Prosecco.

Dann gehen sie hinein und wollen Geschichten aus der Welt hören, die viele von ihnen nicht miterlebt haben. Sie wollen Helmut Schmidt lauschen. Einem 89 Jahre alten Bundeskanzler a.D., der zwar ein wenig eitel wie die Stargäste des Hennenfests sein mag, dafür aber auf der Brecht-Bühne einiges zu erzählen hat. Seine Fans lauschen einem aus dem 20. Jahrhundert, um zu verstehen, wie das 21. Jahrhundert funktioniert.

Der Vorhang öffnet sich. Da sitzt Helmut Schmidt, Er regierte das Land von 1974 bis 1982, für viele eine Ewigkeit her. Neben ihm der Moderater des ZDF-Heute-Journals, Klaus Kleber. Auf den Rängen und im Parkett klatschen 700 Gäste. Kleber steht auf als Zeichen der Verbeugung vor diesem Politiker. Für einen Journalisten eine seltene Geste.

Nein, die Politiker von heute seien nicht weicher, antwortet Schmidt auf die Frage Klebers, der damit auf Kurt Beck und dessen Rücktritt vom SPD-Parteivorsitz anspielt. Ein Politiker der heutigen Zeit sei in seinen Entscheidungen sicher freier, als jemand wie er, der den Krieg miterlebt habe, sagt er. Dies sei zwar ein Vorteil. „Andererseits fehlt ihm die schreckliche Erfahrung.“

Die Erfahrung ist es, die Schmidt zu einem so populären Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts macht. Am 23. Dezember 1918 in Hamburg geboren, musste er in seinem Leben etliche schreckliche Erfahrungen sammeln: Zu den kleineren gehört da, dass der selbst ernannte „erste Angestellte des Staates“ 1982 seinen Job als Bundeskanzler verlor und sich von seiner eigenen Partei im Stich gelassen fühlte. Viel schwerer wog das Erlebte während des Zweiten Weltkriegs. Es war so schlimm, dass er in der Zeit seine Loki kirchlich heiratete, obwohl beide nicht an Gott glauben. Ja, Loki war nicht einmal getauft. Aber sie glaubten beide, dass es nach dem Krieg so schrecklich sein würde, dass sie den moralischen Halt der Kirche brauchen würden.

Die Sturmflut von 1962 hat er als Innensenator in Hamburg gemanagt. Und Ende der siebziger Jahre fegte der „Deutsche Herbst“ über das Land. Als Bundesskanzler musste er standhaft bleiben – was ihm bei der Familie des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer schwer fiel. Schleyer wurde von RAF-Terroristen entführt und ermordet.

Schmidt weiß, was das Wort Krise bedeutet. Zu den Personalwechseln in der SPD aber schweigt er lieber. „Das ist Tagespolitik“, lehnt er ab. Soll heißen: Jetzt will ich nicht auch noch die SPD aufwühlen. Allerdings konnte er es sich wenige Tage vor der Buchvorstellung nicht verkneifen, seinen Erzfeind Oskar Lafontaine das Charisma eines Adolf Hitlers zuzusprechen. Ein bisschen Tagespolitik darf es manches Mal dann doch noch sein.

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