Herbert Wehner zum 100.
„Der Herr Bundeskanzler badet gerne lau“

Sie nannten ihn „Onkel“ und fürchteten ihn zugleich als „Zuchtmeister“. Man bewunderte seine messerscharfe Rede und seine Zuverlässigkeit, traute ihm aber als Ex-Kommuisten nicht über den Weg. Herbert Wehner, lange Jahre Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag, wäre am heutigen Dienstag 100 Jahre alt geworden. Eine Reminiszenz in Anekdoten und Zitaten.

DÜSSELDORF. Der gebürtige Dresdner war als junger Mensch politisch radikalisiert und im Jahre 1923 zum Anarchisten geworden. Sein Weg führte ihn schließlich zur straff organisierten KPD, in der er rasch Karriere machte. Als Führungskader der deutschen Kommunisten verbrachte er die Jahre von 1935 bis 1941 im berühmt-berüchtigten Moskauer Hotel Lux, was ihm nie vergessen wurde: „Dass ich Kommunist gewesen bin, habe ich nie geleugnet. Ich werde es mein Leben lang büßen“, bekannte Wehner einmal. Was ihn aber nicht sonderlich störte, denn 1968 sprach er folgende Worte zu Heimatvertriebenen: „Ich bin es gewohnt, ausgepfiffen und niedergebrüllt und geschlagen zu werden. Dessen schäme ich mich nicht. Es werden sich andere einmal dafür schämen müssen.“

Wehner war machtbegabt, er war gerissen, und er war ein glänzender Taktiker. Nicht zuletzt diese Eigenschaften trugen ihm den Spitznamen „Zuchtmeister der SPD“ ein. Lange Jahre gelang es ihm, für die Kanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt Mehrheiten im Parlament zu organisieren. Zur Not bediente sich Wehner fragwürdiger Methoden - so mutmaßlich 1972, als ein Misstrauensvotum gegen Brandt scheiterte. Als herauskam, dass ein CDU-Überläufer, von der Staatssicherheit der DDR bestochen, Brandt vor dem Ende als Kanzler bewahrt hatte, meinte Wehner trocken: „Die Sache war schmutzig; da gab es Dinge, die ein Kanzler nicht wissen muss, wohl aber ein Fraktionsvorsitzender.“

Im Parlament pflegte Wehner einen Stil wie nach ihm nur wenige, selbst Joschka Fischer und dessen berühmter Ausspruch „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch“ verblasst hinter Wehners bissigen, oft beleidigenden Zwischenrufen. 78 Ordnungsrufe handelte sich Wehner in 34 Parlamentsjahren ein. So wird ihm zugeschrieben, in einer Debatte um Toiletten in Reisezügen und auf Bahnhöfen gebrülllt zu haben: „Die Leute sollen reisen und nicht scheißen.“

Den CDU-Abgeordneten Jürgen Todenhöfer, der als entwicklungspolitischer und abrüstungspolitischer Sprecher der Unionsfraktion zuweilen lautstark rechtskonservative Positionen vertrat, nannte Wehner derb „Hodentöter“. Den CDU-Parlamentarier Jürgen Wohlrabe, als Chef der Jungen Union in Berlin einer der wichtigsten Gegenspieler der studentischen Bewegung um Rudi Dutschke, verballhornte Wehner 1970 als „Übelkrähe“. CSU-Mann Richard Jaeger, der die Todesstrafe befürwortete und außerdem dafür eintrat, dass Sexualverbrecher zwangsweise sterilisiert werden, beschied Wehner einmal: „Sie sollten nicht Kopf-ab-Jaeger heißen, sondern Schwanz-ab-Jaeger.“

Seite 1:

„Der Herr Bundeskanzler badet gerne lau“

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%