21.08.2007

Standort Ostdeutschland: Hetzjagd auf Inder belastet Wirtschaft

Nach der Hetzjagd auf mehrere Inder im sächsischen Mügeln nahe Leipzig sorgt sich die Wirtschaft um das Image der neuen Bundesländer bei internationalen Investoren und ausländischen Fachkräften. Experten erheben indes schwere Vorwürfe gegen die Politik.

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BERLIN. „Die Ereignisse werfen nicht nur ein negatives Licht auf den Wirtschaftsstandort Leipzig, sondern auch auf Sachsen und die neuen Länder,“ sagte der Hauptgeschäftsführer der IHK-Leipzig, Thomas Hofmann.

Am Wochenende hatten 50 Deutsche acht Inder durch den Ort gehetzt und verprügelt. Der Vorfall sorgt seitdem nicht nur in Deutschland für Empörung. In Indien blickte gestern das blutig geschlagene Gesicht des Mügeler Imbissbesitzers von den Titelseiten der Zeitungen. Die „Hindustan Times“ titelte: „Rassistischer Angriff in Deutschland“.

IHK-Hauptgeschäftsführer Hofmann warnte vor den Imageschäden, sollte man die in regelmäßigen Abständen auftretenden fremdenfeindlichen Übergriffe nicht endlich in den Griff bekommen: „Das betrifft ausländische Investoren, die sich bereits hier engagieren und auch potenzielle Investoren, die sich noch für einen zukünftigen Standort entscheiden“, sagte Hofmann. Detlef Hamann, Hauptgeschäftsführer der IHK Dresden, räumte ein: „Im Zuge einer aktiven Ansiedlungspolitik bleibt es natürlich nicht aus, dass rechtsradikale oder ausländerfeindliche Überfälle von ausländischen Unternehmen bereits in ersten Sondierungsgesprächen angesprochen werden.“

IHK-Chef Hofmann wies zudem auf die Reaktion ausländische Fachkräfte und Studenten hin, „die um ihr eigenes Leben und die Sicherheit ihrer Familienangehörigen, die hier leben, fürchten“. Ähnlich äußerte sich Unionsfraktionschef Volker Kauder: „Der Zwischenfall ist ein Rückschlag im Bemühen um die besten Fachkräfte aus dem Ausland.“

Die Einschätzung der sächsischen IHK-Chefs Hofmann und Hamann bestätigt eine repräsentative Studie der Universität Halle-Wittenberg aus dem Jahr 2006 mit dem Titel: „Fremdenfeindlichkeit und rechte Gewalt - Standortnachteil für die ostdeutsche Wirtschaft“. Autor Kai Bussmann sagte, „Investoren setzen Ereignisse wie in Mügeln, auch wenn sie in der Härte nur selten vorkommen, mit Innovationsfeindlichkeit gleich“. Zudem reagierten forschungsintensive Unternehmen höchst empfindlich, weil sie hoch qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland beschäftigten.

In der Studie befragten Bussmann und der Soziologe Markus Werle 600 Unternehmen, die Hälfte davon mit Sitz in Ostdeutschland. Dort sagten 43 Prozent, dass die Qualität ihres Standorts durch Fremdenfeindlichkeit und rechtsradikale Gewalt beeinträchtigt sei. 12 Prozent leiden deshalb unter Problemen bei der Personalgewinnung. 14 Prozent musste bereits Absagen von erfolgreichen Bewerbern hinnehmen. Im Vergleich dazu: Im Westen liegt die Quote bei vier Prozent.

Bussmann forderte die Politik auf, die stetig steigende Zahl von fremdenfeindlichen Übergriffen nicht weiter zu verniedlichen. „Gerade in den neuen Länder wollten viele Politiker das Thema unter dem Deckel halten“, sagte Bussmann. Eine fatale Entwicklung, denn der fremdenfeindliche Schwelbrand breite sich immer weiter aus und könne das Image der neuen Länder als Wirtschaftsstandort nachhaltig beschädigen.

Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt verteidigte dagegen sein Bundesland. Auf die Frage von „Spiegel online“, ob er denn auf Reisen ins Ausland von Investoren auf ausländerfeindliche Überfälle angesprochen werde, sagte der CDU-Politiker: „Ja. Und ich versuche dann immer offen darüber zu reden und deutlich zu machen, was davon Tatsache ist und was nicht. Denken Sie an das Beispiel von Sebnitz, wo zunächst voreilig von einem rechtsradikalen Hintergrund ausgegangen wurde und sich die Dinge dann im Nachgang anders dargestellt haben. Bei aller Abscheu vor solchen Überfällen wie in Mügeln sollten wir uns doch davor hüten, vorschnell in Klischees zu verfallen“, meinte Milbradt.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer nahm dagegen kein Blatt vor den Mund: „Die Zahl der ausländischen Mitbürger ist bei uns deutlich geringer, und trotzdem ist die Zahl der Aversionsakte sehr hoch“, sagte der CDU-Politiker. „Deshalb muss man wohl feststellen: Im Osten herrscht, zumindest bei einem Teil der Bevölkerung, eine fremdenunfreundliche Grundstimmung“, sagte Böhmer.

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