Hintergrund
Experten: 40-Stunden-Woche bringt nichts

Eine Anhebung der generellen Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden hätte derzeit kaum positive Effekte auf den deutschen Arbeitsmarkt und die Konjunktur. Arbeitsmarktexperten wie Herbert Buscher vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) halten dagegen eine Flexibilisierung der Arbeitszeit für notwendig, um auf die schwankende Nachfrage in den Unternehmen zu reagieren.

HB BERLIN. „In diese Richtung gehen auch die jüngsten Haustarifabschlüsse etwa bei Siemens oder Daimler-Chrysler“, sagte Buscher am Montag. Auch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit (IAB) sieht kaum positive Effekte einer allgemeinen Rückkehr zur 40-Stunden-Woche: Drei Viertel der Betriebe würden bei einer Arbeitszeitverlängerung um zwei Stunden ohne Lohnausgleich etwa gleich viel Personal beschäftigen wie vorher.

Die Debatte über eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit, die am Wochenende erneut von der Industrie und Teilen der Union angestoßen wurde, krankt bereits am Datenmaterial, beklagen die Experten. So weist das IAB darauf hin, dass die tatsächlich geleistete - effektive - Wochenarbeitszeit eines in Vollzeit beschäftigten Arbeitnehmers im Schnitt 39,9 Stunden beträgt. Das ist nur minimal weniger als der EU-Durchschnitt von 40,0 Stunden. Die tarifliche Wochenarbeitszeit liegt im Schnitt bei 37,8 Stunden, variiert aber stark nach Wirtschaftszweigen.

Das Argument, man müsse nur mehr arbeiten, dann werde auch die Konjunktur wieder anziehen, weisen die Experten als zu kurz gegriffen zurück. „Die Firmen müssen die Möglichkeit haben, bei Bedarf hoch oder runter mit der Arbeitszeit zu gehen - das ist das entscheidende Kriterium“, sagt Buscher. Auch das IAB warnt davor, die Nachfrageseite aus der Debatte auszublenden. Derzeit fehle es an der notwendigen Güternachfrage, um zusätzliche Stunden produktiv einsetzen zu können. Buscher nennt Opel als Beispiel: „Was nützt es, mit der Arbeitszeit hochzugehen, wenn die Kapazitätsauslastung im Werk Bochum unter 70 % liegt?“

Das IAB warnt in einer Studie zudem davor, dass eine längere Wochenarbeitszeit den Einstellungsdruck, der von einer Belebung der Konjunktur ausgehen würde, abschwächen könnte. „Zwar könnte sie die Arbeitsplätze der aktuell Beschäftigten sichern, allerdings wohl zu Lasten der Arbeitssuchenden.“ Aus einer Unternehmensbefragung vom Herbst 2003 errechnete das IAB, dass nur drei Prozent der Unternehmen mit positiven Effekten für die Beschäftigten bei einer Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich um fünf Prozent oder zwei Stunden rechnen. Auch heftige Befürworter einer Arbeitszeitverlängerung wie das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln fordern deshalb Mehrarbeit auf Basis flexiblerer Arbeitszeitregeln - also Abweichungen nach oben und unten. „Die 40-Stunden-Woche per se ist uninteressant“, folgert Buscher.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%