Historische Koalitionen
Saar-Napoleon spielt seine Lieblingsrolle

Im zartroten Sonnenglanz schlägt die St.-Josef-Kirche Peter Müller die letzte Stunde. Das Geläut weht vom anderen Ufer der Saar über den Fluss, als der Saarländische Rundfunk um Punkt 18 Uhr seine Wahlprognose in den Äther schickt. 34,5 Prozent, ein rasanter Absturz für den schwarzen Amtsinhaber im Saarland. Nun könnten die Lafontaine-Mannen eine historische Wende herbeiführen.

SAARBRÜCKEN. Die schwarze Säule auf den Bildschirmen rauscht auf 13 Prozent in die Tiefe, bei den späteren Hochrechnungen noch stärker. Totenstille herrscht da in der Diskothek „Garage“ in Saarbrückens Altstadt, wo die Christdemokraten eigentlich feiern wollten. Die Disko-Spiegelkugel dreht mal gelb, mal blau, mal lila, nie schwarz, aber immer wieder rot ihre Runden an der Decke.

Die Roten feiern nur wenige 100 Meter entfernt, und das gleich zweimal – die SPD ebenso wie die Linke. Im weißen Festzelt auf dem Max-Ophüls-Platz bei der Linkspartei springen sogar die Alten – und die sind deutlich in der Überzahl – auf die Bierzeltbänkchen und reißen die Fäuste nach oben. „Oskar, Oskar“-Rufe füllen das Zelt. Über 21 Prozent, der fünfte Einzug in ein westdeutsches Landesparlament und das mit dem von Linken-Chef Oskar Lafontaine als Wahlziel ausgegebenen 20 plus x. Das alte Schlachtross hatte sich tagsüber versteckt und gab – im Gegensatz zu allen anderen Spitzenkandidaten – nicht im Blitzlichtgewitter seine Stimme ab, sondern hatte per Brief gewählt. Denn letzte Umfragen hatten den früheren SPD-Chef, der als Vorsitzender der Linkspartei seine alte Heimat im Sturm nehmen wollte, auf 15 Prozent abstürzen sehen. Vor einem Jahr – als der Genussmensch im von ihm geprägten „Saarvoir-vivre“ seinen Hut in den Ring geworfen hatte – lag er noch bei 23 Prozent.

Nun spielt der Saar-Napoleon wieder seine Lieblingsrolle: die des Königsmachers. Mit den künftigen elf Linken-Abgeordneten im saarländischen Landtag will er seinen einstigen politischen Ziehsohn Heiko Maas zum neuen Ministerpräsidenten küren. Maas, der sich mit 42 Jahren und seiner Erfahrung von fast 15 Jahren als Abgeordneter als „der neue Mann“ plakatieren ließ, war unter Lafontaine Mitte der 90er-Jahre jüngster Staatssekretär, nach dem Wechsel seines Mentors in die Bundespolitik dann Umweltminister. Für die Wahlplakate ließ er sich mit Drei-Tage-Bart und offenem Hemdkragen im Daniel-Craig-Stil fotografieren. An diesem Abend bleiben seine Gesichtszüge frostig, während er im Kongresszentrum von einem Fernsehstudio zum nächsten zieht.

Der smarte SPD-Linke weiß, dass nun seine Sportlerqualitäten gefordert sind, dass es zermürbend werden kann: Der Triathlon-Mann Maas gegen den passionierten Schachspieler Müller – der Kampf ist eröffnet: das Ringen um die Grünen. Und die wissen: Egal, wie sie sich nach dem erzitterten Wiedereinzug in den Landtag entscheiden – es wird historisch.

Denn ob der saarländische Grünen-Chef Hubert Ulrich sich auf eine Koalition mit Maas und den Lafontaine-Mannen einlässt, oder ob er Müller zusammen mit der FDP ein Verbleiben im Amt ermöglicht – es wäre entweder die erste rot-rot-grüne Koalition oder das erste Jamaika-Bündnis in der Geschichte Deutschlands. Ulrich bleibt tannentrocken: „Wir haben uns Verhandlungsfreiheit erkämpft zwischen den zwei Lagern, das gab es noch nie.“ Diese neue Macht bei der Wahl nach der Wahl mache die Grünen „verhandlungsstark“, sagt der 51-Jährige, ohne auch nur anzudeuten, wohin die Reise politisch gehen soll.

Traumatisch ist die Stimmung bereits bei den Liberalen: wieder gewonnen und wieder nichts gewonnen. Zwar hat die FDP erneut deutlich zugelegt und kam auf mehr als neun Prozent mit ihrem erst 37 Jahre alten Spitzenkandidaten Christoph Hartmann, doch wenn die Grünen nicht mitspielen, reicht es wieder nur für die Oppositionsbänke. Immerhin fließt in einem zur FDP-Wahlkampfzentrale umgebauten Supermarkt namens „Reformhaus“ trotz des Frustes Sekt – natürlich kostenlos. Ganz im Gegensatz zur SPD: Gewonnen und nicht einmal Freibier. Während SPD-Spitzenkandidat Maas seine Genossen im Volkshochschulzentrum am Saarbrücker Schloss weiter auf den Einzug des wahrscheinlich neuen Ministerpräsidenten warten lässt, müssen die tief in die Tasche greifen: Das Bier zu 3,50 Euro.

Schwarz-Gelb ist vier Wochen vor der Bundestagswahl unmöglich – das zehrt nicht nur an den Nerven der Freien Demokraten an der Saar. Sondern vor allem an denen der CDU. Und so spricht Spitzenmann Müller über „mögliche Ursachen, die außerhalb des Saarlandes liegen“. Damit greift der Noch-Ministerpräsident – bekannt für seine beißende innerparteiliche Kritik – klar seine Parteivorsitzende und Bundeskanzlerin Angela Merkel an.

Das Wahldesaster der Christdemokraten im Südwestzipfel der Republik, die sie hier noch immer „das Reich“ nennen, hat endgültig Berlin erreicht.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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