Trotz Konjunkturbelebung wird sich die Finanzsituation der gesetzlichen Krankenkassen im nächsten Jahr wieder verschlechtern. Der Schätzerkreis der Kassen setzte jetzt den durchschnittlichen Beitragssatz, der rechnerisch nötig ist, um alle Leistungsausgaben zu decken, nach oben.
BERLIN. Der Schätzerkreis der Kassen setzte den durchschnittlichen Beitragssatz für 2008 auf 13,97 Prozent fest. Dies bedeutet eine Erhöhung um 0,33 Prozentpunkte gegenüber dem Bedarfssatz, den die Schätzer für das laufende Jahr ermittelt hatten. Bei ihrer letzten Schätzung im September war die Prognose noch etwas günstiger ausgefallen.
„Das ist ein eindeutiges Signal, dass es 2008 wieder Beitragssatzerhöhungen geben wird,“ sagte die Sprecherin des Verbands der Angestelltenkrankenkassen (VDAK), Michaela Gottfried, dem Handelsblatt. Eine Erhöhungswelle wie dieses Jahr drohe jedoch nicht, fügte sie hinzu.
So wollen die meisten Ersatzkassen, insbesondere Barmer und DAK, ihre Beiträge ebenso stabil halten wie die 16 Landes-AOK. Einzige Ausnahme ist die Techniker-Krankenkasse (TK). Sie will am Freitag unter anderem wegen wachsender Zahlungsverpflichtungen an den Finanzausgleich zwischen den Kassen eine Erhöhung ihres Beitragssatzes von 13,5 auf 13,8 Prozent beschließen, bestätigte eine Sprecherin auf Anfrage des Handelsblatts. Damit bleibt die TK immer noch unter dem Durchschnittsbeitrag aller 240 Kassen.
Dieser lag Anfang November inklusive des allein von den Versicherten zu tragenden Zusatzbeitrags von 0,9 Prozentpunkten bei 14,8 Prozent. Trifft die Prognose des Schätzerkreises ein, würde er sich im Verlauf der nächsten Jahres auf knapp über 15 Prozent erhöhen. Vor der Sitzung des Gremiums, in dem Experten der Kassen, des Gesundheitsministeriums, des statistischen Bundesamts und des Bundesversicherungsamts vertreten sind, war ein deutlicherer Anstieg auf bis zu 15,4 Prozent befürchtet worden.
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Für 2007 hatte der Schätzerkreis im vergangenen Jahr einen Anstieg des so genannten Ausgleichsbedarfssatzes um fast 0,7 Prozentpunkte vorausgesagt. Prompt erhöhten die Kassen schon im Vorfeld der im April in Kraft getretenen Gesundheitsreform ihre Beiträge um durchschnittlich 0,6 Prozentpunkte. Die stärksten Beitragsanhebungen gab es damals bei den Ortskrankenkassen. Sie verfügen auch deshalb derzeit mit einem Überschuss von rund 610 Mill. Euro über das größte Finanzpolster unter allen Kassenarten. Die Ersatzkassen schlossen das dritte Quartal dagegen mit einem Minus von rund 95 Mill. Euro ab. Noch größer war der Fehlbetrag mit über 800 Mill. Euro bei den Betriebskrankenkassen.
Zum Jahresende dürften, so Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) zwar alle Kassen wieder schwarze Zahlen schreiben – Dank der inzwischen überwiesenen zweiten Rate des Zuschusses aus der Tabaksteuer von 1,25 Mrd. Euro und der Zusatzeinnahmen durch die Kassenbeiträge auf das meist mit dem Novembergehalt ausgezahlte Weihnachtsgeld. Doch vor allem bei etlichen der 183 Betriebskrankenkassen dürfte die Finanzdecke dünn bleiben, so dass die Experten bei dieser Kassenart am ehesten Beitragserhöhungen erwarten.
„Wir haben derzeit zwei gegenläufige Effekte: Einerseits kommen mehr Menschen in Arbeit und die Löhne steigen. Das führt zu mehr Einnahmen bei den Krankenkassen. Andererseits steigen die Ausgaben - allein im Oktober betrug der Anstieg der Arzneimittelausgaben 14,5 Prozent,“ sagte dazu BKK–Sprecherin Ann Hörath. Je nachdem welcher dieser Effekt in den nächsten Monaten durchschlage, würden die Beiträge stabil bleiben oder eher steigen. „Es ist ohne Zweifel Druck im Kessel, aber wir halten so lange wie möglich den Deckel drauf. Niemand will steigende Beiträge, aber nicht immer lassen sie sich vermeiden.“

