2 Bewertungen ****
14.07.2008 
Krankenversicherung ab 2009

Höhere Kassenbeiträge treffen Betriebsrenter

Viele Betriebsrentner müssen sich mit dem Gesundheitsfonds ab 2009 noch einmal auf höhere Kosten für die Krankenkasse einstellen. Das Gesundheitsministerium wiegelt indes ab und warnte vor „Angstmache“.

HB BERLIN. Hintergrund ist der erwartete Anstieg des Beitragssatzes und die Tatsache, dass auf die Betriebsrente der volle Beitrag ohne Zuschuss vom Arbeitgeber fällig wird. Damit fällt jede Steigerung des Beitragssatzes doppelt ins Gewicht, wie der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen am Montag bestätigte.

Mögliche Mehrkosten von bis zu 1 000 Euro im Jahr meldete die „Bild“-Zeitung und bezog sich auf Berechnungen des Münchner Gesundheitsökonomen Günter Neubauer. Dieser sagte jedoch am Montag, diese Summe komme nur in Einzelfällen zustande. Voraussetzung wäre die Mitgliedschaft in einer extrem billigen Krankenkasse und eine extrem hohe Rente von monatlich 3 600 Euro.

Durchschnittlich haben westdeutsche Männer nach Angaben aus Neubauers Institut aber nur Anspruch auf 388 Euro aus Betriebsrenten – allerdings bei einer breiten Streuung. Fast zwei Drittel der Anwartschaften liegen unter 300 Euro, nur sieben Prozent über 1 000 Euro, wie es weiter hieß.

Das Gesundheitsministerium warnte deshalb vor „Angstmache“. Außerdem verwies eine Sprecherin darauf, dass die allermeisten Betriebsrentner nicht in Billigkassen, sondern in den teuren Versorgerkassen versichert sind. Da bei diesen heute der Beitragssatz oft über dem Durchschnitt liegt, seien hohe Mehrkosten damit 2009 nicht zu erwarten.

Auch der GKV-Spitzenverband zeigte sich skeptisch über Neubauers Rechnung. Diese enthalte „theoretische Extremvarianten“, erklärte Sprecher Florian Lanz. „Selbst wenn der Einheitsbeitrag nächstes Jahr deutlich über 15 Prozent liegen sollte, müsste man derartige Kostensteigerungen vermutlich mit der Lupe suchen.“

Seit 2004 müssen Bezieher auf ihre Betriebsrenten nicht mehr nur den halben, sondern den vollen Krankenkassenbeitrag entrichten. Die Krankenkassen nahmen damit 2007 rund 4,2 Milliarden Euro ein. Da damals auf einen Schlag etwa sieben Prozent mehr von den Betriebsrenten abgezogen wurden, hatten viele Betroffene protestiert.

Das Verfassungsgericht hat die Neuerung aber bestätigt. Deshalb müssen Betriebsrentner auch von jeder Steigerung des Beitrags 2009 nicht wie Arbeitnehmer oder gesetzliche Rentner nur die Hälfte, sondern alles übernehmen.

Sind sie in einer der billigsten Krankenkassen mit einem Gesamtbeitrag von etwa 13 Prozent, kann die Steigerung 2009 gewaltig ausfallen. Denn erstmals wird die Bundesregierung zum Start des Gesundheitsfonds einen bundesweit einheitlichen Beitragssatz für alle Krankenkassen festlegen. Dieser wird aller Voraussicht nach über dem heutigen Durchschnitt von 14,9 Prozent liegen. Experten rechnen mit etwa 15,5 Prozent Gesamtbeitragssatz. Die Regierung sagt dazu noch nichts.

Für Betriebsrentner in einer sehr günstigen Kasse würde das einen Beitrags-Aufschlag von 2,5 Prozent bedeuten – beziehungsweise einen Abzug in dieser Höhe von der Rente.

Der Effekt wirkt auch bei kleinerer Beitragsdifferenz und weniger Rente, aber eben sehr viel geringer. Hat man 1 000 Euro Betriebsrente und ist in einer Kasse mit dem Durchschnittsbeitragssatz von 14,9 Prozent, muss man nach dieser Rechnung mit Mehrkosten von 0,6 Prozent rechnen – also sechs Euro im Monat oder 72 Euro pro Jahr.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterBildergalerien

zurück
  • Obamas Kabinett nimmt Gestalt an

    Obamas Kabinett nimmt Gestalt an

    Die Milliardärin Penny Pritzker aus Chicago soll nach US-Medienberichten Wirtschaftsministerin in der Regierung des designierten Präsidenten Barack Obama werden. Mit dieser Personalie nimmt die Regierungsmannschaft zwei Wochen nach der US-Wahl allmählich Gestalt an.Bildergalerie 

  • Was auf dem Weltfinanzgipfel beschlos...

    Was auf dem Weltfinanzgipfel beschlossen wurde

    Auf dem Weltfinanzgipfel in Washington wollten die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) einen Fahrplan für eine neue Weltfinanzordnung vereinbaren, die eine Finanzkrise, die die ganze Welt in die Rezession treibt, in Zukunft verhindern soll. Was beschlossen...Bildergalerie 

  • Was führende Köpfe vom Finanzgipfel e...

    Was führende Köpfe vom Finanzgipfel erwarten

    Nichts Geringeres als eine neue Weltfinanzordnung wollen die 20 Staats- und Regierungschefs der größten Wirtschaftsmächte am Wochenende in Washington aus der Taufe heben. Was Politiker, Konzernchefs, Ökonomen und andere führende Köpfe aus der Finanzwelt vom Weltfinanzg...Bildergalerie 

vor

 

 

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Kein Ausweg aus der Finanzkrise in Sicht  Artikel in Merkliste

21.11.2008 von Hermann-Josef Knipper

Der letzte Tag der „Euro Finance Week“ in Frankfurt hat das ganze Drama der Macht- und Ratlosigkeit der Finanzbranche deutlich gemacht. Nach der harschen Kritik von Bundespräsident Horst Köhler, der nicht weniger als ein neues Weltfinanzsystem gefordert und viele Schuldige benannt hatte, mühten sich Banker, Ökonomen und Notenbanker um Auswege aus der Krise. Kommentar

Handelsblatt-Kommentar

Deutscher Bauernstaat  Artikel in Merkliste

21.11.2008 von Helmut Hauschild

Die Bundesregierung tut sich mit ihrer Agrarpolitik als Industriestaat keinen Gefallen. Kommentar