Holocaust-Gedenktag
Reich-Ranicki erinnert an Furcht, Schrecken und Tod

Stille und Erschütterung im Bundestag - mit brüchiger Stimme erzählt Marcel Reich-Ranicki, was er unmittelbar vor der Ermordung der Juden aus dem Warschauer Ghetto erlebte.
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BerlinDer Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki schilderte in seiner Rede aus persönlicher Erinnerung die Verfolgung der Juden und den von den Nazis organisierten Völkermord schilderte. Der 91-Jährige wuchs in einer jüdischen Familie auf und überlebte die Gefangenschaft im Warschauer Ghetto. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) warnte angesichts der Nazi-Mordserie vor Antisemitismus und lobte Menschen, die sich gegen rechts einsetzen.

Zum 67. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz erzählte der 91-jährige Reich-Ranicki, wie die SS im Juli 1942 die „Umsiedlung“ anordnete. Er arbeitete als Übersetzer für den Judenrat und wurde in das Zimmer des Obmanns Adam Czerniaków gerufen. Der SS-Sturmbannführer Hermann Höfle suchte einen Protokollanten. „Ich bejahte knapp“, erzählte Reich-Ranicki mit brüchiger Stimme. Reich-Ranicki erfuhr so, dass die SS die sofortige „Umsiedlung“ der Warschauer Juden „nach Osten“ anordnete. Unter anderem die Ehefrauen und Kinder der beim Judenrat Beschäftigten würden ausgenommen.

Sofort habe er seine Freundin Teofila gerufen. Sie heirateten noch am gleichen Tag. Reich-Ranickis Ehefrau starb 2011 nach 69 Ehejahren. Marcel Reich-Ranicki beschrieb, wie er als Protokollant einer Sitzung im Ghetto beiwohnte, mit der die Deportation Tausender Juden ins Vernichtungslager Treblinka eingeleitet wurde. „An den beiden zum Konferenzraum führenden Türen waren Wachtposten aufgestellt“, sagte der 91-Jährige. „Sie hatten, glaube ich, nur eine einzige Aufgabe: Furcht und Schrecken zu verbreiten.“

Die in den Vormittagsstunden des 22. Juli 1942 begonnene Deportation der Juden nach Treblinka habe bis Mitte September gedauert, sagte Reich-Ranicki. Die sogenannte „Umsiedlung“ der Juden sei in Wirklichkeit die Aussiedlung aus Warschau gewesen. „Sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck: den Tod“, schloss Reich-Ranicki seine Rede ab. Auch seine Eltern waren in Treblinka ermordet worden.

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hat zum Holocaust-Gedenktag Bürger gewürdigt, die sich gegen Rechtsextremismus und Neonazi-Umtriebe engagieren. „Es sind Menschen, die ein Beispiel geben und Mut machen“, sagte er am Freitag in einer Gedenkstunde im Bundestag zum 67. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.

Lammert sprach die im vergangenen Herbst aufgedeckte Neonazi-Mordserie an. Diese Gewalt und dieser Hass seien nicht zu akzeptieren, sagte er. Der Parlamentspräsident wies auch darauf hin, dass nach aktuellen Untersuchungen 20 Prozent der Bundesbürger latent antisemitisch eingestellt seien. „Das sind in Deutschland genau 20 Prozent zu viel“, sagte er.

Am Holocaust-Gedenktag wird weltweit der Opfer der Judenverfolgung durch die Nazis gedacht. Am 27. Januar 1945 waren die Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz von sowjetischen Truppen befreit worden.

Auschwitz steht symbolhaft für den Völkermord und die Millionen Menschen, die vom Nazi-Regime verfolgt und umgebracht wurden. Seit 1996 erinnert auch der Bundestag jährlich in einer Gedenkstunde an die Befreiung des Vernichtungslagers.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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dapd 
DAPD Deutscher Auslands-Depeschendienst GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Holocaust-Gedenktag: Reich-Ranicki erinnert an Furcht, Schrecken und Tod"

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  • Alles klar, Danke und Gute Nacht!

  • @deltaone

    "Werde ich mir mal ansehen"

    Ich poste _nie_ Videolinks, das macht nur noch blöder als man eh shon ist - es sind podcasts zum Hören, jedes Gespräch dauert ca eine halbe Stunde. Ich kann eben bei meiner Arbeit keine Videos gucken, aber zuhören geht immer ;-)

  • @hardy: Danke. Werde ich mir mal ansehen, geht aber auf Arbeit schlecht.

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