Holocaust-Streit
Merkel erwartet Klarheit vom Papst

Überraschend hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel im Streit über die Wiederaufnahme des Holocaust-Leugners Richard Williamson in die Katholische Kirche direkt an Papst Benedikt XVI gewandt. Nach dessen umstrittener Personalentscheidung fordert die Kanzlerin nun deutlich eine Klarstellung seitens des deutschen Pontifex.

DÜSSELDORF.Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich in den Streit um den Holocaust-Leugner Richard Williamson eingeschaltet, dessen Exkommunikation Papst Benedikt XVI. aufgehoben hatte. „Es geht darum, dass vonseiten des Papstes und des Vatikans sehr eindeutig klargestellt wird, dass es hier keine Leugnung geben kann“, sagte Merkel mit Blick auf die Ermordung von Millionen von Juden durch die Nationalsozialisten. Die Kanzlerin nahm eine Pressekonferenz nach dem Treffen mit dem kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew zum Anlass, um sich in dieser für das Verhältnis von Staat und Kirche in Deutschland bisher einmaligen Weise an den Heiligen Stuhl zu wenden.

Die erforderliche Klarstellung sei aus ihrer Sicht „noch nicht ausreichend erfolgt“, sagte Merkel. Wenn durch eine Entscheidung des Vatikans der Eindruck entstehe, dass der Holocaust geleugnet werden könne, und es um grundsätzliche Fragen zum Umgang mit dem Judentum gehe, dürfe dies nicht ohne Folgen im Raum bleiben.

Hintergrund ist die Entscheidung von Papst Benedikt XVI., die von seinem Vorgänger Johannes Paul II. vor 20 Jahren verfügte Exkommunikation von vier Bischöfen der ultrakonservativen Pius-Bruderschaft aufzuheben. Zur Bruderschaft, die seit Jahren um die Rücknahme des Exkommunikationsdekrets kämpfte, zählt auch der Brite Williamson, der den Völkermord der Nazis an sechs Millionen europäischen Juden offen leugnet. Die Entscheidung Benedikts löste bei Überlebenden des Holocausts, dem Zentralrat der Juden in Deutschland, aber auch innerhalb des deutschen Katholizismus Empörung aus.

Dass nun eine deutsche Regierungschefin zu einem Beschluss des Papstes Stellung bezieht, ist in dieser Form ein Novum. Lange bevor Spanien 1977 und Italien 1984 von dem Modell der Staatsreligion abrückten, hatte Deutschland die Trennung von Staat und Kirche vollzogen. Das 1933 zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reich geschlossene Konkordat regelt bis heute das Verhältnis von Staat und Kirche in Deutschland. Immer wieder bestätigten Gerichtsurteile in den letzten Jahrzehnten die Autonomie der Kirche, etwa für den Bereich des kirchlichen Dienstrechts. Im Streit um die Schwangerenkonfliktberatung 1999 hielt sich die Bundesregierung ausdrücklich mit Stellungnahmen an den Papst zurück, obwohl auch christdemokratische Politiker den Ausstieg der Kirche aus dieser Beratung für falsch hielten.

Merkel erinnerte gestern zwar an diese Tradition, indem sie erklärte, dass sie im Allgemeinen keine innerkirchlichen Entscheidungen bewerte. Hierbei gehe es aber um eine Grundsatzfrage, betonte die Kanzlerin. Während der langjährige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Mainzer Kardinal Karl Lehmann, mit Altkanzler Helmut Kohl engste Kontakte pflegte, verfügt die Protestantin Merkel nicht über diese große Nähe zu kirchlichen Kreisen. Es ist allerdings davon auszugehen, dass die Spitze der deutschen katholischen Bischöfe über inoffizielle Kanäle auch gegenüber der amtierenden Bundesregierung die große Besorgnis über die aktuelle Entwicklung zum Ausdruck brachte.

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