Homo-Ehe
Kramp-Karrenbauers Steilvorlage für die AfD

Die Saar-Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer vergleicht die Homo-Ehe indirekt mit Inzest und Polygamie. Trotz Kritik sieht sie keinen Grund zur Entschuldigung. Das sorgt für Empörung, nur nicht bei der AfD.
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BerlinDass viele in der Union einer Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare ablehnend gegenüberstehen, ist bekannt. Dass nun aber die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer ihre Ablehnung unter mit den möglichen rechtlichen Folgen begründet und dabei zu einem gewagten Vergleich greift - die CDU-Politikerin setzte die Homo-Ehe indirekt mit Inzest und Polygamie gleich -, sorgt nun parteiübergreifend für Empörung.

Kramp-Karrenbauer hatte der „Saarbrücker Zeitung“ gesagt, es gebe in der Bundesrepublik bisher eine klare Definition der Ehe als Gemeinschaft von Mann und Frau. „Wenn wir diese Definition öffnen in eine auf Dauer angelegte Verantwortungspartnerschaft zweier erwachsener Menschen, sind andere Forderungen nicht auszuschließen: etwa eine Heirat unter engen Verwandten oder von mehr als zwei Menschen.“

Mit Kopfschütteln reagierte der CDU-Bundestagsabgeordnete Stefan Kaufmann. Den Zeitungen der Funke-Mediengruppe sagte er: „Diese Äußerung zeigt auch die Argumentationsnot mancher Gegner.“ SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi sieht die Debatte über die Ehe für alle mit den Äußerungen der Ministerpräsidentin auf einem neuen Tiefpunkt. Sie habe keinerlei Verständnis dafür, dass eine CDU-Regierungschefin gleichgeschlechtliche Partnerschaften jetzt mit Inzucht und Polygamie gleichsetze. Das sei ein „Schlag ins Gesicht“ Hunderttausender gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, die füreinander einstünden und Verantwortung übernähmen, sagte Fahimi.

Grünen-Chefin Simone Peter sagte, Kramp-Karrenbauers Äußerung „würdigt Schwule und Lesben in verletzender Weise herab und zeichnet ein entstelltes Gesellschaftsbild“. Der Bundesgeschäftsführer der Linkspartei, Matthias Höhn, erinnerte die CDU-Politikerin daran, dass die Bundesrepublik kein christlicher Gottesstaat sei. „Wer die eigene religiöse Überzeugung zum für alle alleinverbindlichen Wertemaßstab erklärt, ist nichts anderes als ein Fundamentalist“, sagte Höhn dem Handelsblatt. Die FDP-Generalsekretärin Nicola Beer nannte die Äußerungen Kram-Karrenbauers eine „Unverschämtheit“, weil sie Homosexuelle „zutiefst“ beleidigten. Beer forderte Kramp-Karrenbauer auf, sich für ihre „Entgleisung“ zu entschuldigen.

Auch Volker Beck ist empört. Die Aussagen der CDU-Politikerin zeigten, dass den Gegner der Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare die Argumente ausgegangen seien, sagte der innenpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion dem Handelsblatt. „Frau Kramp-Karrenbauer soll doch mal darlegen, in welchen der 20 Länder, die die Ehe für alle haben, es Polygamie und inzestuöse Ehen gibt. Ansonsten sind ihre Äußerungen schlichtweg eine Frechheit, für die sich entschuldigen sollte.“

Beck kritisierte zudem die Ausführungen der Ministerpräsidentin zum Adoptionsrecht. Ihre Aussagen wirkten so, als ob sie das deutsche Familien- und Adoptionsrecht nicht kenne. Individuell sei Homosexuellen die Adoption nie verwehrt gewesen. Seit 2004 über die Stiefkindadoption, seit 2013 über die Sukzessivadoption könnten Lebenspartner gemeinsam adoptieren, erläuterte der Grünen-Politiker. Die einzige Frage sei, ob man zwei Verfahren brauchte. „Frau Kramp-Karrenbauer tut so, als ob die Frage, ob Lebenspartner adoptieren dürfen, sich noch stellt“, sagte Beck. Sie sei aber entschieden und das mit dem Segen des Bundesverfassungsgerichts. „Will Frau Kramp-Karrenbauer das wieder zurückdrehen oder weiß sie nur nicht Bescheid?“

Der Sprecher des Seeheimer Kreises in der SPD, Johannes Kahrs, forderte eine Entschuldigung. „Es wird immer peinlicher“, erklärte er bei Twitter. „Hoffe die Karrenbauer entschuldigt sich zügig. Unsäglich!“ Seiner Empörung schickte er noch den Satz hinterher: „Pfälzer ind die Pfalz, Saarländer in die Saar.“

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Kramp-Karrenbauers Steilvorlage für die AfD

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AfD unterstützt Kramp-Karrenbauer

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  • Die Kritik an Kramp-Karrenbauer ist sexuell fixiert und borniert

    Die Aufregung und Skandalisierung der Äußerung von Kramp-Karrenbauer ist bezeichnend für die Denkungsart der Kritiker, die offenbar eine dauerhafte Verantwortungspartnerschaft nur sexuell zu definieren vermögen. Dass den Kritikern bei einer Partnerschaft unter Verwandten dementsprechend nichts anderes als "Inzest" einfällt, ist entlarvend und peinlich. Frau Kramp-Karrenbauer hat davon überhaupt nicht gesprochen.

    Werden nicht in anderen auf Dauer angelegten Partnerschaften - Wohngemeinschaften, Pflegegemeinschaften etc. - ebenfalls grundlegende Werte gelebt, auch wenn in diesen Partnerschaften nicht das Bett geteilt wird? Aus welchem Grunde sollen diese Verantwortungsgemeinschaften eigentlich schlechter gestellt werden als die von Homosexuellen. Sie sind genauso weit von einer eingetragenen Homopartnerschaft entfernt, wie diese von der Ehe Weshalb also die Diskriminierung.

    Zudem ist der Hinweis auf mehrköpfige Partnerschaften doch nichts als konsequent. Wenn andere Lebensmodelle stärker Einzug halten - sei es durch den Islam oder ein Aufleben der Ideologie der "freien Liebe in Communen" - dürften diese doch nach der Logik der "Homo-Ehen-Befürworter" ebenfalls nicht diskriminiert werden, solange in ihnen grundlegende Werte gelebt werden.

    Von daher ist die Kritik nicht nur inhaltlich unlogisch, sondern auch ganz schön borniert.

  • Es ist schade, daß eine so tolle Zeitung wie das Handelsblatt so schlechten Journalismus unterstützt!
    Es ist doch einfach nicht wahr, daß die MPin des Saarlandes die "Homo-Ehe", die es derzeit nicht gibt, mit Polygamie oder Lebenspartnerschaften zwischen Verwandten verglichen hat. Sie hat darauf hingewiesen, daß es bei einer entsprechenden Öffnung des Instituts der Ehe für Männlein+Männlein sowie Weiblein+Weiblein, gute Gründe geben könnte, auch andere mit der monogamen auf Lebenslänglichkeit angelegten Beziehung zwischen Mann und Frau, als welche die Ehe Stand heute definiert ist, nicht übereinstimmende Lebensentwürfe nicht länger entsprechend diskriminieren zu können. Das ist vorausschauend, klug und vermutlich ziemlich dicht an dem, was beim Bundesverfassungsgericht herauskäme, wenn dort in 5 Jahren ein Polygamist klagt.
    Die Art. 6 GG-Problematik, die ja offenbar Grund für Lesben und Schwule ist, genau diese "Homo-Ehe" zu erstreben, weswegen die entsprechende Argumentation der Gegner den daran Interessierten tatsächlich in die Hände arbeitet, könnte auch einfach dadurch umgangen werden, daß man Art. 6 Abs. I GG um einen Beistrich und das Wort "Lebenspartnerschaft" ergänzt. Die Vorschrift hieße dann: " Ehe, Lebenspartnerschaft und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung."
    Frieden für Alle!
    Mehr dazu auch unter http://german-leader.simplesite.com/418207966

  • ... Warum dürfen zwei erwachsene Verantwortung für einander eingehende Menschen dies nicht mit jeweils weiteren Partnern tun? Dann heirate ich meine Frau, meinen Chef, Nachbars minderjährige Tochter und den in einer veganen Welt zum Partner aufgestiegenen Gorillaburschen Tandu aus dem Frankfurter Zoo. Mit so vielfältigen individuell Verantwortung tragenden Zweierbeziehungen könnte dann mein Flugkapitän, ein Direktor oder Guru für einen wichtigen Lebensabschnitt eine ganze Gruppe heiraten, streng getrennt natürlich? Alles wird, wenn wir es buchstabengetreu nehmen, irgendwie beliebig. Aber es muß ja nicht bis zu solchen Exzessen wie Polygamie oder Inzest kommen. Die allzuoffene Definition der Ehe hinterläßt auch in der deutschen Literatur ungewollte Einschlaglöcher, wenn wir z.B. Schillers Bürgschaft lesen, worin ganz bestimmt der eine für den anderen Verantwortung übernimmt. Und kommt es hier schließlich zur Homo-Ménage-à-trois? Die Antwort lasse ich jetzt einfach mal offen. Aber aus allen diesen Argumenten wird klar, wenn alle alle lieb haben, gehen wir eines Tages die Weltehe ein, das heißt, es gibt keine Ehe mehr.Und wieder die Frage nach dem Geschrei. Warum kann nicht die traditionelle Definition der Ehe, nach der sie diese besondere Verbindung von Mann und Frau ist, gelten, neben allen anderen, von den Menschen gewünschten Formen des Zusammenlebens. Was verlieren Schwule und Lesben, Intersexuelle und alle anderen Mitbürger, wenn sie für Ihre Form des Zusammenlebens einen eigenen Namen, eigene Institutionen etc. suchen und finden und dabei glücklich sind? Steuern müssen alle zahlen und vor dem Gesetz sind alle gleich. Das ist jetzt kein Schießpulver für die AfD, sondern sowas wie die Rückkehr zur unaufgeregten Normalität. Mir scheint die jetzige Aufregung um die Wortmeldung von Frau Kramp-Karrenbauer eher Anzeichen dafür zu sein, daß es in unserem Lande zu viele Menschen gibt, die ihre Tätigkeit mit Arbeit verwechseln und dabei doch zuviel Zeit haben.

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