Homosexualität und Wirtschaft
Homo oeconomicus

Im Wettbewerb um kreative Köpfe entdecken Großstädte eine neue Zielgruppe - die Schwulen. Wie Homosexuelle eine Metropole prägen - und welche Rolle sie für die Wirtschaft spielen.
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DÜSSELDORF. Sten Kuth hat verdammt schlechte Laune. Der Kölner Choreograf, ein massiger Typ mit Glatze und rot-blondem Bart, erklärt gerade 18 Männern in schlabbrigen Shirts zum dritten Mal eine neue Schrittfolge. Immer wieder kommen die Jungs aus dem Takt. "Mehr Spannung!", brüllt Kuth in die Turnhalle im Belgischen Viertel von Köln. "Mit rechts beginnen! Das ist doch nicht so schwer!"

Offenbar doch. Kuth ist Profi, seine Schüler, die Rosa Funken, sind es definitiv nicht. Der Ingenieur Roland, der Medizintechniker Wolfgang oder der Fliesenleger Peter zählen zu den Wegbereitern der homosexuellen Karnevalsbewegung in Köln. In diesem Jahr feiern die schwulen Jecken ihr Elfjähriges, eine wichtige Zahl im Karneval. Beim großen Festball tauschten die Funken die Shirts gegen hautenge Kostüme, ritten auf Steckenpferdchen und trugen anstelle eines Funkenmariechens ihr "Omariechen", den Vereinsältesten, durch den Saal.

Und niemand nahm an den schrillen Auftritten Anstoß. Im Gegenteil: Immer häufiger laden traditionelle Karnevalsgesellschaften die Rosa Funken zu ihren Sitzungen ein. Kürzlich haben die Schwulen mit Tommy Engel, dem ehemaligen Frontmann der "Bläck Fööss", und den Roten Funken, Kölns ältestem Traditionscorps, einen Videoclip aufgenommen. Selbst beim Rosenmontagszug liefen die Rosa Funken schon als Gäste mit. "Vor elf Jahren", sagt das Omariechen Wolfgang, "wäre das undenkbar gewesen."

Die starke Gay-Präsenz ist ein Kompliment an die Stadt

Die Rosa Funken und ihre schwul-lesbischen Mitstreiter schicken sich an, die letzte Kölner Bastion der Bürgerlichkeit, den organisierten Karneval, zu stürmen. An anderen Orten, in den Straßen, Kneipen und Bars sind händchenhaltende Männer seit Jahren akzeptierte Normalität. Einige Gegenden, etwa das Viertel rund um die Ehrenstraße und den Rudolfplatz, sind fest in schwuler Hand. Schätzungsweise 100 000 Schwule und Lesben leben in Köln. Relativ zur Einwohnerzahl gibt es nirgendwo in Deutschland mehr Homosexuelle.

Die starke Gay-Präsenz ist ein Kompliment an die Stadt, ein Beweis von Offenheit und Toleranz. Und ein entscheidender Wirtschaftsfaktor: Gäbe es so etwas wie eine ökonomische Theorie der Homosexualität, müsste sie nicht nur die Kaufkraft der Schwulen erfassen, ihre Trendsetter-Funktion analysieren, mit der sie ganze Viertel umkrempeln und Konsumgewohnheiten vorwegnehmen. Eine solche Theorie müsste die Schwulen als Standortfaktor begreifen, als Barometer für die immer wichtiger werdende Liberalität der städtischen Gesellschaft.

Denn der souveräne Umgang mit dem Anderssein hilft Städten wie Köln, im Wettstreit der Metropolen um kluge Köpfe und High-Tech-Unternehmen zu bestehen. Das zumindest folgert der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Richard Florida. Er hat zusammen mit dem Demografie-Forscher Gary Gates herausgefunden, dass an führenden Technologie-Standorten wie San Francisco, Seattle oder Austin auffällig viele Schwule, Ausländer und andere Minderheiten leben. Seine Erklärung: Ein Klima von Offenheit und Toleranz lockt nicht nur Schwule, sondern auch Querdenker, Computerfreaks und andere Kreativarbeiter in die Stadt.

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