Hooligan-Demo, Taksimplatz, Donezk: Friedenskämpfer mit dem Klavier

Hooligan-Demo, Taksimplatz, Donezk
Friedenskämpfer mit dem Klavier

Sie wollen randalieren und treiben einander in die Eskalation: Dann fängt er an zu spielen – und beruhigt nicht nur Hooligans und Rechte. Davide Martello macht mitten in Krisen Musik. Unsere Reporterin hat ihn getroffen.
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KölnEine ältere Dame zieht ihren Kaschmir-Schal enger um die Schultern und wagt sich an den Flügel. Schüchtern lächelnd fragt sie Davide Martello, ob er wohl „Atemlos“ spielen könnte. „Das soll ich spielen, ja?“, fragt Martello und lacht die Frau an. „Okay.“ Als der letzte Klavierakkord auf der Kölner Domplatte verhallt ist, ruft ein Jugendlicher in den Applaus der Hunderten von Umstehenden „Yeah! Sauber!“ Die Dame klatscht heftig.

Helene Fischers Schlager-Hit hat der Musiker in den vergangenen Wochen immer wieder spielen müssen. „Eins muss ich jetzt mal klarstellen“, ruft er jetzt am Kölner Dom und dreht sich zu seinem spontanen Publikum um. „Ich bin nicht Helene Fischer.“ Nur wenige Tage zuvor spielte er auch hier in Köln das Lied schon einmal. Dort nahm die besondere Erfolgsgeschichte des Pianisten mit der Schlager-Hymne ihren Anfang.

Denn damals kommt es anders als geplant. Da verweist ihn das Ordnungsamt von der Domplatte, Martello packt seine Sachen und macht sich auf zum Breslauer Platz, wo er Auto und Anhänger geparkt hat. Doch bis zum Wagen kommt er nicht. Hinter dem Hauptbahnhof stehen sich Hooligans, Rechte, Salafisten und Polizisten gegenüber. 20 Minuten lang beobachtet der Musiker die drohende Eskalation. Dann beginnt er zu spielen.

Zuerst Klassik und die Beatles. Doch damit dringt er nicht zu den wütenden Männern durch. Er versucht es mit Helene Fischer. Mit „Atemlos“ wird das bedrohliche Brausen aus den Reihen der Demonstranten leiser. Passanten, die wie Martello in die Situation geraten sind, applaudieren ihm. Auch bei den Hools wird geklatscht. „Bleib‘ ruhig sitzen“, ruft ein Mann, vermutlich aus deren Reihen, als Martello aufsteht und das Feld räumen will. Und Martello spielt.

„Friedensmusiker“ haben ihn die Medien getauft. So ganz behagt ihm das nicht. „Der Begriff ist mir zu groß“, sagt der in Deutschland geborene und in Konstanz aufgewachsene Italiener.

Die Hooligen-Demo ist nicht die erste brenzlige Situation für den Musiker, seit er sich vorgenommen hat, in allen Hauptstädten Europas zu spielen. Im Sommer 2013 war Martello im bulgarischen Sofia unterwegs. Dort sah er die Fernsehbilder aus dem Gezipark in Istanbul, die Gewalt, die Wasserwerfer, das Tränengas und die Tausenden von Menschen, die mit der türkischen Regierung um mehr Demokratie rangen. „Ich dachte mir: Was wäre, wenn dort mitten in diesem Tumult ein Klavier stünde?“ Er gab selbst die Antwort.

Zwei Nächte spielte er auf dem Taksimplatz, in der zweiten von 21 bis 11 Uhr – 14 Stunden lang. „Das lag daran, dass Erdogan eine Frist bis sechs Uhr morgens gesetzt hatte, den Platz zu räumen“, erzählt Martello. Alles, was die Menschen ihm brachten, deponierten sie auf dem Flügel: Essen und Trinken, Helme und Gasmasken.

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