Horst Köhler "Ich wollte Schaden vom Amt abwenden"

Warum wollte Horst Köhler nicht mehr Bundespräsident sein? Im Interview mit der "Zeit" nennt er erstmals Gründe. Und er erklärt, warum ihm Afrika und das Schicksal der Flüchtlinge keine Ruhe lassen.
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Horst Köhler als Bundespräsident gab am 31. Mai 2010 seinen Rücktritt bekannt. Im Interview mit der "Zeit" nennt er nun erstmals die Gründe. Quelle: dpa

Horst Köhler als Bundespräsident gab am 31. Mai 2010 seinen Rücktritt bekannt. Im Interview mit der "Zeit" nennt er nun erstmals die Gründe.

(Foto: dpa)

Herr Bundespräsident, ein Jahr lang waren Sie von der Bildfläche verschwunden. Haben Sie Abstand zu den Turbulenzen um Ihren Rücktritt gefunden?

Ich führe seit einem Jahr wieder ein normales Bürgerleben. Ich bin mit mir im Reinen und genieße manche Dinge, die ich vorher nicht hatte. Ich bin gerade dabei, meine Pläne für die kommende Zeit zu strukturieren. Es ist insoweit alles im grünen Bereich.

Sie vermissen nichts?

Ich vermisse nichts.

Sind Sie auch bei guter Gesundheit?

Ja, auch das. Ich habe im Amt einen Rhythmus gehabt, der auch im physischen Sinne selbstbestimmt war. Ich habe es mir nicht nehmen lassen, regelmäßig Sport zu machen, mindestens zweimal in der Woche, und auch Urlaube zu nutzen – ob beim Skifahren oder mit Bergtouren im Sommer –, um mich körperlich fit zu halten. Ich bin schon immer ein Frühaufsteher gewesen und habe keine Probleme, relativ lange zu arbeiten. Das Besondere dieses Amtes ist ja, dass man die Leute kennenlernt. Jeder Termin war für mich wichtig, weil ich erkannt hatte, dass jeder etwas zu sagen hat. Das war schon auch fordernd. Aber es gab für mich keine Notwendigkeit, in eine Art Regeneration zu gehen, weil ich erschöpft gewesen wäre.

Stimmt es Ihrer Erfahrung nach, dass es nichts Anstrengenderes gibt als den Beruf des Politikers?

Der Beruf ist anstrengend, besser: fordernd. Das für mich Anstrengende war: Wenn ich mit den Menschen geredet habe, dann habe ich mich immer bemüht, auf sie einzugehen. Zum traditionellen Neujahrsempfang des Bundespräsidenten etwa haben wir immer auch Bürger eingeladen. Wenn Sie 60, 80 Bürgern die Hand geben und mit ihnen auch nur ein oder zwei Minuten mit Interesse reden – später beim Mittagessen natürlich länger –, dann kostet das Kraft. Das ging in der Tat bis zur physischen Erschöpfung. Aber diesen Preis habe ich gern bezahlt.

Sie haben ja auch etwas zurückbekommen.

Ja, genau, das war das Schöne in meiner Zeit als Bundespräsident. Das möchte ich auch nicht missen. Ich schaue auf die Zeit nicht im Zorn zurück oder frage mich nur, was ich falsch gemacht habe. Es waren für mich Jahre, die mir etwas gegeben haben. Aber es ist nicht so, dass mir das fehlt.

Und wie ist es jetzt? Als Sie jüngst mit Ihrer Frau die Ehrenbürgerschaft der Stadt Ludwigsburg bekamen, wie haben Sie die Atmosphäre wahrgenommen?

Als freundlich und angenehm. In Ludwigsburg war es, ehrlich gesagt, fast wie in meiner Amtszeit. Damals wie jetzt versuche ich, jedem Gesprächspartner – schon aus Gründen des Respekts – Aufmerksamkeit zu geben. Ich war ja mal Beamter, Oberregierungsrat. Ich musste meinem Referatsleiter im Bundeswirtschaftsministerium in den Haushaltsausschuss folgen. Dort bin ich einem Studienkollegen – einem Abgeordneten! – begegnet, der mit mir das Examen gemacht hatte. Der sieht mich und schreit durch die Lobby: Horst, hast ja Karriere gemacht! Er hat mit mir geredet, mich dabei aber kaum angeguckt. Wenn jemand seine Augen überall hat, nur nicht bei seinem Gesprächspartner, dann irritiert das. Vielleicht war das der Punkt, an dem ich gedacht habe: Das soll mir nicht passieren.

Nächste Woche reisen Sie nach Afrika – Tansania, Uganda, Ruanda und Äthiopien. Warum lässt Sie dieser Kontinent nicht los?

Weil ich dort konkrete Anschauung für die Bedeutung des Artikels 1 unserer Verfassung in der heutigen Zeit erfahren habe: Kindersoldaten, die Zerstörung der Gemeinschaft durch Aids, Völkermorde. Ich habe aber auch erlebt: Menschenwürde ist, wenn sich Menschen nicht fallen lassen, wenn sie – vor allem die Frauen – trotz aller Not versuchen, ihren Kindern Hoffnung zu geben.

Sie haben einen Satz immer und immer wiederholt: Am Schicksal Afrikas entscheidet sich die Menschlichkeit der Welt.

So sehe ich es. Bis heute.

Nimmt man diesen Satz als Maßstab, wie steht es dann um die Menschlichkeit der Welt?

Es gibt Zeichen der Hoffnung.

Welche?

Erstens die wirtschaftliche Entwicklung. Unter dem Strich wächst die Wirtschaft Afrikas seit zehn Jahren im Durchschnitt um über fünf Prozent. Es gibt in Afrika eine wachsende Mittelschicht.

Aber auf niedrigem Niveau!

Natürlich, die Mittelschicht bemisst man dort zum Beispiel nach einem Pro-Kopf-Einkommen von zwei bis vier Dollar pro Tag. Man darf das nicht mit der Mittelschicht in Deutschland oder in den USA verwechseln. Aber die Afrikaner selber sehen hier einen Fortschritt. Auch politisch sehe ich mehr Positives. Es gibt in Afrika 54 Länder, von denen sich die meisten zu einer Demokratie entwickeln.

Es gibt allerdings regelmäßig furchtbare Rückschläge, zuletzt in der Elfenbeinküste. Findet Afrika wirklich aus dem Kreislauf von Armut, Krieg, Unterdrückung und Elend heraus?

Meine Einschätzung ist: Ja, es braucht aber Zeit. Das ging den Europäern in ihrer Demokratiegeschichte nicht anders. Das Wichtigste sehe ich darin, dass die Afrikaner endlich sich wieder selbst entdecken. Bei vielen afrikanischen Gesprächspartnern war die Stimmung früher: Wir wollen Hilfe, weil wir arm sind, weil wir Hunger haben, weil wir Aids haben. In den letzten Jahren hat sich das verändert in den Wunsch, als Partner wahrgenommen zu werden. Manchmal höre ich auch: Das sind keine Hilfen, die wir erbitten müssen, das ist das Mindeste, was ihr geben müsst. Nehmt bitte zur Kenntnis, dass eure Politik als Kolonialmächte bis hin zur Phase des Ost-West-Konflikts einiges dazu beigetragen hat, dass wir jetzt in so einer schwierigen Situation sind.

Ein Appell an den Schuldkomplex des Westens.

Es kann als Appell an den Schuldkomplex aufgefasst werden, aber für mich steht das im Zusammenhang mit einer zweiten Beobachtung: Die Afrikaner emanzipieren sich von Belehrungen von außen. Früher hatten alle »Helfer« einen fast moralischen Impetus, ob nun nationale Regierungen, die Weltbank oder der Internationale Währungsfonds; da hieß es, wir wissen, was für euch gut ist: Freiheit, Marktwirtschaft, Demokratie...

...Sozialismus!

Ja. Heute entdecken die Afrikaner mehr und mehr, dass auch die »Helfer« nicht alle Antworten haben, und manchmal sogar die falschen. Unser Rat wird zwar nicht ignoriert, aber zunehmend kritisch hinterfragt. Das finde ich legitim, auch wenn uns dann kritische Fragen ins eigene Kontor schlagen.

Zum Beispiel, wie ernst es dem Westen mit Demokratie und Menschenrechten wirklich ist?

Die Afrikanische Union hat einen Menschenrechtskatalog, der dem unseren sehr ähnlich ist. Es gibt universale Werte, das können Sie dort gut nachlesen. Aber es gibt Denker in Afrika, die sagen: Eure Demokratiemodelle sind für uns nicht sakrosankt. Wir wollen selbstbestimmt unsere Vorstellungen entwickeln. Ich habe mir als Bundespräsident mal eine Übersicht machen lassen, was es an eigenen Demokratievorstellungen in Afrika gibt. Eine ausgefallene Idee ist zum Beispiel ein Parlament, das aus drei paritätischen Gruppen besteht: Männern, Frauen, Jugendlichen. Man mag darüber lächeln. Wichtig ist aber, dass die Demokratie in Afrika aus der eigenen Anschauung und gesellschaftlichen Überzeugung erwächst.

Das Bemühen, Afrika helfen zu wollen, ist nicht neu. Die Not vielerorts ist geblieben. Kann es sein, dass unsere Hilfe nichts bewirkt?

Ich bin nicht der Ansicht, dass die Hilfe nichts bewirkt hat. Aber sicherlich hat sie nicht das gebracht, was wir wollten und was man sich dort erhofft hatte. Denn mit dieser Unterstützung wurde eine neue Abhängigkeit geschaffen. Ein afrikanischer Gesprächspartner hat mir einmal gesagt: Wir müssen auch eigene Fehler machen können, um zu uns selber zu finden. Wir wollen mit euch zusammenarbeiten, aber ihr müsst begreifen, dass wir von euch Respekt für unsere eigenen Vorstellungen verlangen. Immer mehr afrikanische Präsidenten, zum Beispiel Paul Kagame in Ruanda, sind stark im Strukturieren und lassen sich von uns nicht mehr widerspruchslos belehren.

Kagame ist auch stark im Unterdrücken.

Er regiert nach unseren Begriffen autoritär. Da kann und muss manches kritisiert werden. Ich würde Kagame aber nicht gleichsetzen mit Präsidenten in Afrika, mit denen der Westen lange gut zusammengearbeitet hat, obwohl man wusste, dass sie Diktatoren waren und/oder sich die eigenen Taschen durch Korruption gefüllt haben. Und Kagame fragt: Wer hat uns während des Genozids geholfen? Wenn Ruanda Öl gehabt hätte...

...wäre der Westen da gewesen.

So! Andere Beispiele: An der Überfischung afrikanischer Küstengewässer sind nicht nur Asiaten, sondern auch Europäer beteiligt. Oder: Korruption grassiert in Afrika noch immer mit maßgeblicher Beteiligung ausländischer Investoren. Oder: Die Agrarsubventionen der Industrieländer machen es den Afrikanern immer noch schwer, eine eigene Ernährungswirtschaft aufzubauen. Um nicht missverstanden zu werden: Die Hauptverantwortung für Fortschritt auf dem afrikanischen Kontinent tragen die afrikanischen Regierungen. Die Liste der politischen und wirtschaftlichen Doppelstandards im Umgang mit Afrika ist aber lang. Ich sehe einen Fortschritt darin, dass immer mehr Intellektuelle und politische Führer in Afrika solche Doppelstandards nicht mehr hinnehmen wollen. Glaubwürdigkeit ist auch in der internationalen Politik eine unverzichtbare Ressource, um Vertrauen aufzubauen. Ein besonders guter Ruf Europas im Hinblick auf Glaubwürdigkeit ist mir in Afrika bisher nicht aufgefallen.

Der Westen engagiert sich jetzt in Libyen, obwohl er mit der Ölversorgung unter Gadhafi überhaupt keine Probleme hatte.

Jeder Umsturz in Nordafrika hat seine Besonderheiten. Gemeinsam ist allen eigentlich nur ein Punkt: die Unzufriedenheit der jungen Leute wegen Perspektivlosigkeit. Man muss dabei wissen, dass in Afrika insgesamt rund 70 Prozent der Gesamtbevölkerung unter 30 Jahre alt sind. Die jungen Menschen auf der Suche nach Bildung, Arbeit und Einkommen sind nicht nur in Nordafrika ein revolutionäres Potenzial. 2007 war ich zu einem Staatsbesuch in Algerien. Die Studenten in Algier haben mir gesagt: Europa verschließt vor uns die Türen. Was soll aus uns werden? Wir haben keine Arbeit und keine Freiheit.

Als Folge des Arabischen Frühlings machen sich mehr Flüchtlinge auf den Weg als je zuvor. Wie empfinden Sie die Nachrichten von den vielen Toten, die auf dem Meeresgrund liegen?

Jeder Mensch, der in einer solchen Nussschale über das Wasser will und ertrinkt, macht mich traurig. Aber genauso macht es mich wütend. Denn diese Meldungen gibt es ja nicht erst seit der arabischen Rebellion. Nur hat das bis dahin nicht viele in Europa besonders bewegt. Ja, man hat die Flucht nach Europa durch alle Arten von Zäunen erschwert, nicht zuletzt mithilfe von Oberst Gadhafi. Jeder Mensch, der aus purer Not solche Risiken eingehen muss und dann stirbt, ist für mich ein Verstoß gegen die Humanität. Europa, das sich rühmt, Humanität und Menschenwürde in die Welt gebracht zu haben, ist so kleinmütig.

Wären wir stark genug, mehr Flüchtlinge aufzunehmen?

Eine nachhaltige Lösung des Flüchtlingsproblems kann nur darin bestehen, dass die Menschen Arbeit und Einkommen in ihren Heimatländern bekommen. Aber natürlich wären wir auch stark genug, in der unmittelbaren Notsituation mehr Flüchtlinge aufzunehmen.

Ohne dass populistische Bewegungen in Europa weiter anwachsen?

Es wäre kein Selbstgänger. Aber wir können eindeutig mehr verkraften. Und wir können in Anbetracht unserer demografischen Entwicklung dabei sogar an uns selbst denken.

Warum ist Europa so kleinmütig?

Europa ist in der Gefahr, sich selbst zu verraten. Die jetzige Situation zeigt, dass wir vor unseren eigenen Werten versagen und vielleicht auch zu wenig unsere langfristigen Interessen sehen.

Die Rebellion in Nordafrika ist die letzte Warnung, dass es uns mit der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in Afrika wirklich ernst sein muss. Wir müssen begreifen, dass es in unserem ureigenen Interesse liegt, dass Afrika auf die eigenen Beine kommt. Hilfe ist eine Investition in unsere eigene Zukunft. Europa braucht Afrika für seine Rohstoffversorgung und künftige Wachstumsmärkte. Im Jahr 2050 wird es mehr als zwei Milliarden Afrikaner geben – vier mal so viele wie Europäer. Die Chinesen haben die neue Bedeutung dieses Kontinents längst erkannt.

Und Afrika reichlich ausgebeutet!

Sie sind wacker dabei, ihren Nutzen zu ziehen. Die Afrikaner werden die Phase, dass sie vorzugsweise mit China zusammenarbeiten und Europa scheinbar nicht mehr brauchen, wieder überdenken. Wir sollten die bessere Partnerschaft anbieten.

Ist Ihnen bewusst, dass Sie, wenn es um Afrika und gelegentlich auch wenn es um die Finanzpolitik geht, wie ein Antiimperialist reden?

Möglich, für mich ist es nur die Konsequenz der Frage nach Frieden und Stabilität in der verflochtenen Welt des 21. Jahrhunderts. Ich bin kein Revoluzzer, aber ich sehe Formen des Kapitalismus, Ralf Dahrendorf hätte gesagt des »Schuldenkapitalismus«, die Freiheit und Demokratie gefährden. Geld regiert die Welt, sagt der Volksmund. Das muss so lange nicht beunruhigen, wie mit Geldschöpfung auch Wertschöpfung für die gesamte Gesellschaft verbunden ist. Davon haben sich aber Teile der »Finanzindustrie« verabschiedet. Die internationale Finanzkrise muss als Verpflichtung verstanden werden, den Primat der Politik gegenüber den Finanzmärkten durchzusetzen.

Sie würden sagen, das Finanzkapital ist heute stärker als die Politik?

Nach dem jetzigen Stand denke ich, dass der Finanzkapitalismus noch nicht gezähmt ist. Das unregulierte Finanzgeschäft breitet sich zum Beispiel weiter aus.

Könnte die Politik stärker sein, wenn sie es nur wollte?

Sie müsste stärker sein, wenn sie ihren Anspruch ernst nimmt, dafür zu sorgen, dass sich eine Krise dieses Ausmaßes nicht wiederholen kann. Zwar sind wichtige Vorkehrungen wie zum Beispiel eine bessere Eigenkapitalausstattung von Banken auf den Weg gebracht. Als Folge des Übermaßes an Liquidität in der Weltwirtschaft bauen sich aber schon wieder neue Blasen auf, und das Ziel einer umfassenden Transparenz auf den internationalen Finanzmärkten ist offensichtlich schon wieder aufgegeben.

Viele Leute empfinden ein Unbehagen darüber, dass immer mehr Geld nötig wird, um säumigen, überschuldeten Ländern im Euro-Verbund zu helfen. Was würden Sie den Menschen sagen, um sie zu beruhigen?

Beruhigen? Danach ist mir bei diesem Thema nicht zumute. Eher muss es darum gehen, aufzurütteln, damit die Deutschen begreifen, was auf dem Spiel steht. Die Euro-Gruppe und das ganze europäische Projekt stehen wegen gravierender politischer Versäumnisse in der Vergangenheit vor einer nie da gewesenen Zerreißprobe, und die deutsche Politik hat zum Beispiel wegen der zeitweiligen Aufweichung des Stabilitäts- und Wachstumspaktes eine Mitverantwortung für diese Entwicklung. Und wenn ich es recht sehe, geht es heute nur noch um die Suche nach der am wenigsten schlechten Lösung. Sie wird in jedem Fall politisch und finanziell teuer. Für Deutschland wird aber alles teurer, wenn Europa auseinanderfällt. Man kann den Deutschen erklären: Es ist in unserem Interesse, es dient der Sicherung von Arbeitsplätzen und Wohlstand in unserem Land, dass das europäische Projekt nicht scheitert. Diese gemeinsame Vision – für mich weiterhin die Vereinigten Staaten von Europa – ist für Deutschland die beste Gewähr für eine gute Zukunft.

Das schließt Griechenland, Irland, Portugal, Spanien, Italien ein?

Ja, natürlich. Ohne diese Länder wäre Europa nicht Europa. Wir wären töricht, das gering zu schätzen.

Sie haben im Januar an Ihrer Alma Mater in Tübingen einen Vortrag gehalten, dessen Titel ziemlich anspruchsvoll klingt: Die Reform des internationalen Währungssystems – ein Projekt kooperativer Weltwährungspolitik. Liegt Ihnen ein solcher Vortrag mehr als die politischen Grabenkämpfe in Berlin?

Ich war schon seit Längerem Honorarprofessor an der Universität Tübingen.

Sind Sie zurückgekehrt zu dem, was Ihnen am Herzen liegt und Freude macht?

Mich haben schon immer vorwiegend Inhalte und nicht Ämter interessiert. Und wenn man sich in einer Sache zu Hause fühlt und jungen Menschen etwas davon weitergeben kann, dann macht das Freude. Das geht Ihnen doch auch so.

Journalisten sind nie irgendwo zu Hause, weil sie sich in keiner Sache richtig gut auskennen.

(Lacht) Als Bundespräsident lagen mir politische Grabenkämpfe fern. Ich habe mich in das Amt auch nicht gedrängt.

Haben Sie es selbst so empfunden, dass Sie in Berlin nicht Teil der politischen Klasse waren?

Es war nie meine Absicht, mich gegen die Politik zu profilieren. Ich weiß, was auf Politikern lastet und wie schwer es ist, sich in einem Universum von Interessen, Parteiströmungen, öffentlichen Disputen, Medien und komplexen Sachfragen durchzusetzen. Aber ich bin auch der Ansicht: Wenn es die Politik nicht schafft, in längeren Fristen zu denken, wenn sie nicht in der Lage ist, Strategien für die großen Herausforderungen zu definieren, dann ist die Gefahr groß, dass sich alle in Tageshektik ergehen und politische Grabenkämpfe zum Selbstzweck werden. Ich habe mich für das Amt des Bundespräsidenten in die Pflicht nehmen lassen. Die Anfrage schmeichelte mir, aber 80 Prozent war Pflichtgefühl. Ich dachte, ich könnte mit meiner beruflichen Erfahrung auch helfen. Ich kannte und akzeptierte aber selbstverständlich das Institutionen- und Machtgefüge unserer Verfassung. Eine Diskussion wurde zum Beispiel durch eine unvorsichtige Bemerkung in der Sendung bei Frau Christiansen ausgelöst.

Sie meinen Ihre Äußerung zur Direktwahl des Bundespräsidenten?

Es ging um den Zustand unserer Demokratie, um Beteiligung und darum, wie wir die Kluft zwischen Bürger und politischen Institutionen verkleinern, Bürger und Politik wieder einander näher bringen können. Da habe ich gesagt: Vielleicht auch durch mehr Direktwahlmöglichkeiten. – Frage: Auch des Bundespräsidenten? – Ich antwortete sinngemäß: Ja, vielleicht auch das. Das müsste man diskutieren. Am nächsten Tag war in den Medien Aufruhr, im Bildhintergrund: der schnauzbärtige Reichspräsident Hindenburg, also die Machtfrage und das Scheitern der Weimarer Republik. Ich war einerseits amüsiert, andererseits dachte ich, es kann doch nicht wahr sein, dass wir mit einer Diskussion über die Direktwahl des Bundespräsidenten unsere Demokratie gefährdet sehen. Haben wir so wenig demokratisches Selbstvertrauen? Das eigentliche Thema der Beteiligung der Bürger an der Demokratie blieb einmal mehr liegen.

Was nach Ihrem Rücktritt zu beobachten war: Die meisten politischen Beobachter haben Sie kritisiert. Aber viele Bürger außerhalb des politischen Betriebs haben gesagt: Richtig so, genau richtig, ich verstehe den Köhler! Es war im Grunde genommen eine Schmähung der politischen Klasse, die Sie verlassen haben.

Ja. Daraus könnte man machen: Deshalb hätte ich nicht zurücktreten sollen und dürfen. Ich sehe das anders. Ich bin immer noch ich selber. Ich muss mir persönlich treu bleiben, das heißt in einer Rolle sein, von der ich selber denke, dass sie für mich richtig ist. Dann muss ich in Kauf nehmen, dass mir die Leute das vorwerfen. Ich habe Tausende von Zuschriften und E-Mails bekommen. Wohl 90 Prozent bedauerten meinen Rücktritt und dankten mir für meine Arbeit als Bundespräsident. Das war die Reaktion des Volkes, so wie ich sie direkt erfahren habe.

Dennoch: Darf ein Staatsoberhaupt einfach hinschmeißen?

Köhler: Ich bin zurückgetreten, um Schaden vom Amt abzuwenden. Die Angriffe auf mich im Zusammenhang mit meinen Äußerungen über sicherheitspolitische Interessen Deutschlands waren ungeheuerlich und durch nichts gerechtfertigt. Es war die Rede von der Befürwortung von Wirtschaftskriegen und möglichem Verfassungsbruch...

»Kanonenbootpolitik«!

Kann man einem Bundespräsidenten angesichts der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts Schlimmeres vorwerfen? Meine Äußerungen wurden im Vorfeld der Diskussion um die Verlängerung des Afghanistanmandats der Bundeswehr bewusst missverstanden und für parteipolitische – auch innerparteiliche – Ziele instrumentalisiert. Das kann man auch erkennen, wenn man die Bundestagsdebatte Ende Mai 2011 anlässlich der Regierungserklärung von Verteidigungsminister de Maizière zur Neuausrichtung der Bundeswehr mit meinen Äußerungen von vor einem Jahr vergleicht. Es ging mir um Respekt und Wahrhaftigkeit in der politischen Kultur unseres Landes.

Sie haben für Ihre Amtsführung auch viel Kritik in den Medien erfahren.

Ich kann Ihnen verraten, dass ein großer Kritiker an meiner Amtsführung ich selbst war. Ich finde es aber auch interessant, dass Sie im ZEITmagazin vor Kurzem einmal Fragen an die Medien stellten, also quasi an sich selbst.

Sie lehren in Tübingen und werden auch eine Gastvorlesung an der amerikanischen Universität Notre Dame halten. Wird das Lehren und Schreiben Ihre Haupttätigkeit sein?

Ich werde in Ruhe meine Lebensgeschichte aufschreiben. Afrika bleibt für mich ein wichtiges Thema. Deshalb freue ich mich auf meine jetzt anstehende Reise dorthin in Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung. An der Universität Tübingen werde ich regelmäßiger sein. Und ich werde mich auch gelegentlich zu Fragen der internationalen Finanz- und Währungspolitik betätigen. Das sortiert sich jetzt. Mir wird bestimmt nicht langweilig.

Herr Köhler, wir danken für das Gespräch!

  • Giovanni di Lorenzo, Matthias Naß
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9 Kommentare zu "Horst Köhler: "Ich wollte Schaden vom Amt abwenden""

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  • Horst Köhler war weder ein fähiger Technokrat noch ein fähiger Politiker. Erst hat er bei den Verhandlungen zum Vertrag von Maastricht versagt (Adieu D-Mark, adieu angemessener Nettobeitrag Deutschlands), dann bei der Finanzierung der Wiedervereinigung (Adieu ausgeglichener Haushalt). Zur Belohnung ist er von einem tollbezahlten internationalen Posten zum nächsten gehoben worden. Als Bundespräsident hat er schließlich den Bundestag aufgelöst, weil "wir immer älter werden und weil der Föderalismus sich überholt hat" - so zumindest hat er das vor Millionen Deutschen im Fernsehen erzählt.
    Reife Leistungen!

  • Wen interessiert das noch? Köhler ist als "Weichei-Präsident" abgetreten. Lübcke war wenigstens noch lustig! Der Neue (Wulff oder so ähnlich) ist ein steifer Stecken. Was der sagt interessiert auch niemanden. Gauck, ja, der wär's gewesen. So alles nur zum Gähnen...

  • Ich finde es schade, was der Ex-Bundespräsident Köhler als Begründung für seinen vorzeitigen Amtsverzicht angibt.
    Er hätte lieber weiter geschwiegen, mit einem solchen Interview, macht er seinen guten Namen in der Bevölkerung kaputt.
    Ob es die Wahrheit die ganze Wahrheit ist, kann der Bürger sowieso nicht nachprüfen.
    Also Herr alt Bundespräsident, genießen sie ihren Ruhestand, und schreiben die Wahrheit in ihren Memoiren.
    Danke

  • "Aber wir können eindeutig mehr verkraften. Und wir können in Anbetracht unserer demografischen Entwicklung dabei sogar an uns selbst denken."

    Schon wieder so ein Spruch aus dem Wolkenkuckucksheim.
    Bei denen die hierher kommen wollen wird die Spreu nicht vom Weizen getrennt, so dass man wenn man nicht wie Köhler in einem Nobelviertel wohnt sich mit Drogendealern und Co. herumschlagen muss. Hatte selbst mal so einen in der Nachbarschaft: Drogen, Alkohol, Hartz IV...

  • Er wollte wohl nicht, das Deutschland ein islamistischer Staat wird, wie alle anderen Politiker es wollen. Hr. Wulff ist das Beispiel. Meine Vermutung: Er ist schon zum Islam über getreten.

  • "Ich wollte Schaden vom Amt abwenden"
    Sorry, aber das glaube ich ihm nicht.
    Als ehemaliger IWF Chef wußte er genau , wie sich die
    Euro Krise entwickeln wird. Und hätte als BP
    entsprechende Unterschriften unter Merkels
    illegalem Verhalten (Rettungspakete) ablehnen müßen.
    Das wäre natürlich ein Affront, den er persönlich nicht tragen wollte. Das ist meine Meinung.


  • Was Afrika betrifft, hat Köhler wohl ein bißchen viele rosarote Brillen.
    Denn, das sagen ja sogar afrikan. Wissenschaftler, unsere Entwicklungshilfe ist teils kontraproduktiv. Sie verleitet zum Faulsein, anstatt es endlich mal selbst anzupacken.
    Im übrigen können wir nicht die ganze Welt retten, auch das muß Köhler begreifen
    Und jemand, der immer gleich geht, wenn mal ein kleines Lüftchen weht, nunja, das zeigt nicht von großer Stärke
    Man muß sich im Leben auch mal durchbeißen, es läuft nicht immer alles rund

  • Dass er sich nicht schämt! Ein Feigling, ein Fahnenflüchtiger ist er. "Schaden vom Amt des BP abwenden" - kann davon allen Ernstes die Rede sein? Er hatte keine Lust mehr. Das wars doch viel mehr.

    Zum politischen Alltag gehören genau solche Geschehnisse wie die um seine Äußerung zu den Militäreinsetzen der Bundeswehr. Das ist allgemein bekannt auch ihm. Herr Köhler selbst hat es nie ausgelassen, sich in den Fokus der Öffentlichkeit zu stellen. Kein Bundespräsident hat häufiger und kontroverser die Ausfertigung von Gesetzen verweigert und von der umstrittenen (vermeintlichen!) materiellen Prüfungskompetenz des Bundespräsidenten gebraucht gemacht. Er selbst hat sich vom Staatsnotar zum Teil des politischen Tagesgeschehen aufgeschwungen. Dann fällt die Resonanz einmal (ob gerechtfertigt oder nicht darf man geteilter Meinung sein) sehr heftig und sehr negativ aus und er lässt sein Land im Stich.

    Für sowas gilt es sich zu schämen. Sowas ist ehrlos.

  • Hört auf, uns mit diesem versehntlich die Treppe heraufgefallenen Parteibuchkarrieristen zu langweilen.
    Der Schnulli ist kein Bit Speicherplatz wert!

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