Horst Köhler und der neuen Anfang.
Der bunte Präsident

Vielleicht muss man noch einmal Johannes Rau gehört haben, um zu spüren, was sich mit einem Bundespräsidenten Horst Köhler ändern wird. Die roten Digitalziffern im Reichstag zeigen 9.37 Uhr an diesem Donnerstag, die Regierungsbank ist voll besetzt und die des Bundesrats und auch das ganze Plenum, als Rau sich zwölf Minuten Zeit nimmt, um zu sagen, was ihm wichtig war in seinen fünf Amtsjahren.

BERLIN. Johannes Rau also spricht vom Krieg, der vor 60 Jahren endete, von „furchtbaren menschlichen Tragödien“ und „schrecklichen Bombenangriffen“. Und von den Lehren, die man daraus ziehen müsse: die von der Freundschaft zu Israel und die von der Solidarität innerhalb einer Gesellschaft.

Nichts ist falsch an seinen Worten. Manchmal, als er von seinen Erlebnissen spricht, touchieren sie das ergreifend Feierliche. Und immer kommen sie so würdig daher, dass die Zuhörer gar nicht anders können, als in regelmäßigen Abständen gemessen zu klatschen. Johannes Rau liest seine letzte Messe, und am Ende steht die Gemeinde auf wie zum Gebet und dankt dem weißhaarigen alten Mann da vorne in seinem schwarzen Anzug. Und wie in der Kirche weiß man nicht genau, wer ehrlichen Herzens bewegt ist und wer das Gebet nur mitmurmelt.

Drei Viertel der Deutschen finden, glaubt man Umfragen, die Amtsführung Raus gut. Das sind mehr als in die Kirche gehen, und vielleicht rechtfertigt diese Zahl auch das Etikett vom „Bürgerpräsidenten“, das ihm Bundestagspräsident Wolfgang Thierse zum Abschied aufklebt.

Und doch ist eine halbe Stunde später, als Wolfgang Köhler, 61, seine Antrittsrede hält, plötzlich alles anders im Bundestag; Die Abgeordneten klatschen spontan, manchmal geht ein Raunen durch die Bänke, und hin und wieder – Achtung Revolution! – wird fast unkontrolliert gelacht im Plenum und auf den Zuschauerbänken. „Der Bundespräsident“, wird die Fraktionschefin der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, später sagen, „ist ein lustiger Mann.“

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