Horst Seehofer
Behutsame Rückkehr eines Wahlkämpfers

In gebührendem Abstand zur Wahl des CSU-Vorsitzenden hat Postenanwärter Horst Seehofer sein Privatleben geordnet. Der gewiefte Wahlkämpfer bekennt sich demonstrativ dazu, eben keinen Wahlkampf zu führen - was als Teil seines Wahlkampfes verstanden werden kann.

BERLIN. Horst Seehofer hat Entscheidungen gefällt. Anfang der Woche hat der CSU-Vize bekannt gegeben, dass er seine privaten Wirren zwischen Familie in Bayern und Geliebter in Berlin beendet habe. „Ich bleibe bei der Familie“, lautet seither das öffentliche Credo des Bundeslandwirtschaftsministers.

Nun ist das Privatleben von Berliner Ministern für ihre Arbeit und selbst ihre Karriere in Wahrheit nur von begrenzter Bedeutung. Aber Seehofer weiß, dass dies bei ihm anders ist. Er bewirbt sich schließlich um den CSU-Vorsitz. Und wenn er auf dem Parteitag am 28. und 29. September eine Chance haben will, den bayerischen Wirtschaftsminister Erwin Huber zu besiegen, muss er für zwei Dinge sorgen: Er muss klare Verhältnisse schaffen und trotz der derzeitigen öffentlichen Wahrnehmung den Eindruck vermitteln, dass er siegen kann. Gerade erst hat Bayerns künftiger Ministerpräsident Kurt Beckstein (CSU) sich erneut demonstrativ hinter den Gegenkandidaten Huber gestellt.

Deshalb versucht der erfahrene und gewiefte Wahlkämpfer Seehofer, aus allen vermeintlichen Schwächen derzeit eine Tugend zu machen. Nicht Beckstein oder andere CSU-Spitzenpolitiker gäben im September den Ausschlag, wischt er jede Kritik weg: „Entschieden wird im September nach der Stimmungslage in der bayerischen Bevölkerung und nach dem überzeugenderen inhaltlichen und strategischen Konzept“, betont er.

Und da sieht sich Seehofer, der als Landwirtschaftsminister in den vergangenen Monaten bei der bayerischen Landbevölkerung Punkte sammeln konnte, im Vorteil: Während Konkurrent Huber unablässig durch die bayerischen Lande tourt, erklärt Seehofer jetzt die Ruhe in der Partei zur obersten Pflicht. „Meine Devise ist: Kein Wahlkampf ist der beste Wahlkampf“ – wohlwissend, dass das Bekenntnis zum Nicht-Wahlkampf Teil des Wahlkampfes sein kann. Und dass er als Landwirtschafts- und Verbraucherschutzminister viel Gelegenheit haben wird, eigene Auftritte auch fachlich zu begründen.

Und das ferne Amt in Berlin, von einigen CSU-Mitgliedern als Nachteil im Rennen stilisiert, deutet Seehofer anders. Zwei Drittel der Entscheidungen, die wichtig für Bayern seien, fielen in Berlin, betont er. „Man muss auf Bundesebene Politik beeinflussen können. Das ist ein uraltes Vermächtnis von Franz-Josef Strauss“, sagt Seehofer. Und das könne er sicher besser als der Regionalpolitiker Huber. „Ich bin Bundespolitiker, ich traue es mir zu.“

Zudem lockt er mit seiner Erfahrung als Wahlkämpfer – und mit großen Ambitionen. Denn während andere CSU-Granden die 50-Prozent-Plus als Marschziel für die Landtagswahl im nächsten Jahr ausgegeben haben („ein Fehler“), will er das 60-Prozent-Ergebnis Edmund Stoibers bei der letzten Wahl wiederholen.

Dass ihn das Rennen um den CSU-Parteivorsitz am Ende das Ministeramt im Bundeskabinett kosten könnte, wehrt Seehofer dagegen entschieden ab. Dabei fürchten Koalitionsstrategen, dass die Statik im Berliner Bündnis gestört würde, sollte mit Seehofer ein CSU-Chef mit am Kabinettstisch sitzen. „Jedenfalls sehe ich dabei kein Problem für die CSU oder die CDU“, wehrt der Landwirtschaftsminister ab. Und die SPD habe ihre Probleme doch auch ohne CSU-Vorsitzenden am Kabinettstisch.

Die derzeitig am häufigsten in Berlin diskutierte Frage, ob sein Stuhl wackelt, sollte er gegen Huber unterliegen, wischt Seehofer wie ein erfahrener Wahlkämpfer weg: mit einer beschwichtigenden Handbewegung und der unschuldigen Antwort „Aber wieso denn?“

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