Hundert Jahre Alzheimer
Wenn der Mensch sich verliert

Heute ist der 100. Todestag vom Entdecker Alois Alzheimer. Noch immer ist die Nervenkrankheit unheilbar. Ein Pilotprojekt in Nordrhein-Westfalen geht neue Wege. Dort soll das Personal sogar im Schlafanzug herumlaufen.

DüsseldorfHeute ist der 100. Todestag vom Entdecker Alois Alzheimer. Ein Pilotprojekt geht neue Wege.

Glaube

Ein dezenter Parfümgeruch liegt in dem leicht überhitzten Raum. Es ist einer dieser Düfte, den nur noch ältere Damen tragen – schwer, süß, altmodisch. Sieben Rentnerinnen und ein Rentner sitzen um eine gedeckte Kaffeetafel, sprechen mit gedämpften Stimmen und zerteilen mit ihren Gabeln üppige Stücke Sahnetorte. Man spricht über Kindheitserinnerungen – Frau Müller (Name von der Redaktion geändert) erzählt von ihrer Jugend in Sibirien.

Vom Vater, der als Angestellter der Flugzeugindustrie samt Familie für sechs Jahre aus der DDR in den russischen Norden abkommandiert wurde. Und von ihrer Rückreise nach Deutschland mit dem Zug. Die russische Hauskatze der Familie hatten die Kinder mit in das Abteil geschmuggelt: „Und da saßen wir dann zu sechst in einem Abteil mit der Katze. Die haben wir vor Vater versteckt“, erzählt Frau Müller mit einem Lächeln.

Ihr Blick wirkt abwesend, so als wäre sie in Gedanken wieder in dem Zugabteil bei ihrer Katze. Am Ende wiederholt sie einzelne Sätze der Geschichte, schaut unsicher in die Runde, sucht den Blick der Anderen, so als wäre sie nicht mehr sicher, was sie bereits erzählt hat.

Es ist kein gewöhnliches Treffen in diesem hell möblierten Raum einer Senioreneinrichtung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) im Düsseldorfer Süden. Einmal die Woche trifft sich die Gruppe für Menschen mit Demenz im Anfangsstadium. Frau Müller und die anderen Anwesenden wissen nicht, dass sie in einer Demenzgruppe zusammenkommen. Das würde sie verunsichern. Eine Teilnehmerin der wöchentlichen Treffen ist davon überzeugt, dass es sich um ein Treffen des Vertriebenenverbandes handele.

Frau Müller ist eine von rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland, die an Demenz leiden, also einem Abbau der kognitiven Leistung des Gehirns. Zwei Drittel davon sind von der Alzheimer-Krankheit betroffen. Alzheimer, benannt nach ihrem Entdecker Alois Alzheimer, ist eine tückische Krankheit. Im Gehirn des Erkrankten lagert sich Plaque ab, das nicht abgebaut werden kann. Die enthaltenen Eiweiße sorgen dafür, dass Nervenzellen und Nervenzellenkontakte fortschreitend absterben.

Jahr für Jahr treten mehr als 300.000 Neuerkrankungen auf, so die Deutsche Alzheimer Gesellschaft. Bis 2050 wird sich die Anzahl der Demenzerkrankten auf drei Millionen erhöhen, schätzen die Experten. Zahlen, die Deutschland vor gewaltige Herausforderungen stellen. Nicht nur wegen fehlender Pflegeplätze und Personal. Gegen die Krankheit gibt es auch keine Heilung. Medikamente können nur für eine gewisse Zeit den Status quo bewahren. Es braucht also Betreuungskonzepte und Aufklärung.

„Es ist für Demenzerkrankte sehr wichtig, frühzeitig mit der ambulanten Betreuung anzufangen“, sagt Anette Trimborn, hauptamtliche Betreuerin der Gruppe und Leiterin des DRK-Demenznetzes. „Das kann man Schritt für Schritt steigern.“ Wenn es dann irgendwann nicht mehr gehe, habe sich der Erkrankte schon an eine Einrichtung gewöhnt: „Wenn der große Knall zuhause passiert und der Erkrankte sich plötzlich in einem Pflegeheim wiederfindet, wird es schwierig.“

Nach der Torte wird gesungen. Frau Müller hat ihr Gesangbuch zur Seite gelegt. Sie kann die meisten Texte auswendig, so wie fast alle anderen. Wie immer beginnen die Anwesenden mit „Die Gedanken sind frei“. Noch.

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