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IfW-Experte: Deutschland tilgt erstmals Staatsschuld

exklusivSchulden hat Deutschland in der gesamten Nachkriegszeit nicht getilgt. Nach Berechnungen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) könnte das im kommenden Jahr geschehen. Auch die Schuldenquote werde sich verändern.

Die deutsche Schuldenuhr könnte 2014 anders ticken. Quelle: dpa
Die deutsche Schuldenuhr könnte 2014 anders ticken. Quelle: dpa

DüsseldorfDeutschland wird womöglich im Jahr 2014 zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte Schulden tilgen. Das zeigen Berechnungen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), wie das Handelsblatt erfuhr.

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„Mit 2156 Milliarden Euro wird der Schuldenberg Ende 2014 voraussichtlich 15 Milliarden Euro kleiner als Ende 2013 sein“, sagte IfW-Experte Jens Boysen-Hogrefe. Bereits dieses Jahr werde die Schuldenquote spürbar sinken, weil der Schuldenberg langsamer als die Wirtschaftsleistung wachse.

Für 2014 Bund plant niedrigste Neuverschuldung

Der Bund plant für 2014 mit der niedrigsten Neuverschuldung seit Jahren.

Das IfW rechnet für das laufende Jahr mit einem Rückgang der Schuldenquote um fast zwei Punkte auf 79,8 Prozent. 2014 dürfte der Schuldenberg dann auf 76,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts schrumpfen – zum Vergleich: Im Vorkrisenjahr 2008 betrug die Quote noch 66,8 Prozent.

Posten in Posten in Schäubles Haushaltsplänen

  • Neuverschuldung

    2015 soll der Bund erstmals seit mehr als 40 Jahren ohne neue Schulden auskommen – ein Jahr früher als geplant. Der für 2016 geplante Haushaltsüberschuss soll mit 5 Milliarden Euro nun um 4 Milliarden höher ausfallen als bisher veranschlagt. 2017 soll es einen Überschuss von 9,4 Milliarden Euro geben. Damit kann der Bund in die Schuldentilgung einsteigen und zunächst Verbindlichkeiten des in der Krise errichteten Investitions- und Tilgungsfonds abbauen. Für 2014 ist eine Neuverschuldung von 6,4 Milliarden Euro geplant – statt bisher 13,1 Milliarden. Für dieses Jahr hat der Bund neue Kredite von 17,1 Milliarden Euro vorgesehen.

  • Strukturdefizit

    Für die Schuldenregel ist nicht die tatsächliche Neuverschuldung ausschlaggebend, sondern das „strukturelle Defizit“. Das ist das um Konjunktureinflüsse und Einmaleffekte bereinigte Minus. Eigentlich muss der Bund erst bis 2016 sein Strukturdefizit auf 0,35 Prozent der Wirtschaftsleistung senken. Das hat er aber schon 2012 mehr als erreicht (0,31 Prozent). 2014 soll die „Null“ stehen. Mit Neuschulden von 6,4 Milliarden Euro gelingt der Strukturausgleich. Die verbleibende Nettokreditaufnahme spiegelt den konjunkturell möglichen Verschuldungsspielraum sowie den Saldo der Finanztransaktionen wider.

  • Sozialkassen

    Für den Strukturausgleich musste eine Lücke von etwas 10 Milliarden Euro geschlossen werden. Um dies zu schaffen, wird der Zuschuss an den Gesundheitsfonds 2014 um nunmehr 3,5 Milliarden auf 10,5 Milliarden Euro gekürzt. Hinzu kommen Erleichterungen bei den Zinsausgaben von etwa 4 Milliarden Euro. Kosten für das Betreuungsgeld von 500 Millionen Euro sollen alle Ressorts schultern. Hinzu kommt eine „Globale Minderausgabe“ von 900 Millionen Euro. Diese Sparvorgabe muss noch erwirtschaftet werden.

  • Ausgaben

    2014 wird mit 4,3 Milliarden Euro die letzte Rate für den dauerhaften Euro-Rettungsfonds ESM fällig. Dennoch sollen die Ausgaben im nächsten Jahr auf 296,9 Milliarden Euro sinken, nach 2013 veranschlagten Ausgaben von 302 Milliarden Euro. Bis 2017 sollen sie dann auf 308,7 Milliarden Euro klettern.

  • Einnahmen

    Die Steuereinnahmen sollen 2014 auf 269 Milliarden Euro steigen. Erträge aus der Finanztransaktionssteuer sind nicht berücksichtigt. Von der Bundesbank erhofft der Bund im nächsten Jahr eine Überweisung von 2 Milliarden Euro. In diesem Jahr überweist die Bundesbank einen Gewinn von 664 Millionen Euro - deutlich weniger als die veranschlagten 1,5 Milliarden Euro. Der höhere Ansatz für das nächste Jahr wird mit der Erwartung begründet, dass die Bundesbank nicht nochmals so hohe Rückstellungen im Zuge der Euro-Krise bilden dürfte.

Unterhalb der im Maastricht-Vertrag festgeschriebenen Höchstgrenze von 60 Prozent lag sie zuletzt 2001.

  • 12.04.2013, 10:46 UhrMeinungsmache

    In der Überschrift steht: „Deutschland tilgt erstmals Staatsschuld“
    Darunter steht: „Nach Berechnungen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) könnte das im kommenden Jahr geschehen.“
    Könnte, wäre, wenn ...

    Die Uberschrift ,müsste richtigerweise lauten: „Deutschland könnte laut IfW erstamls in 2014 die Staatsschuld tilgen, wenn ...“.
    Darum wird der Leser hier beim Handelsblatt so manipuliert?
    Gibt es in der Redaktion einen Grund dafür?
    Darf man diesen erfahren?

  • 23.03.2013, 14:05 UhrGaffel

    Und wie lange wollen Sie zurückzahlen ?
    Selbst wenn man davon ausgehen würde, daß über 20 Jahre hinweg ein gleichbleibend günstieger Super-Soll-Zinssatz von 2,5 % pro Jahr (das gab´s noch nie !)Bestand hätte und pro Jahr auch nur nur 1% der Staatsschulden getilgt würde (immerhin wären das 20 Mrd. - auch das gab´s noch nie !), sind nach rund 50 Jahren immer noch 75% der Ursprungsschuld vorhanden.
    Deshalb läuft Schuldentilgung a la Politik nicht über Rückzahlung, sondern nur über schleichende Enteignung = Inflation oder auf einen Schlag über Währungsreformen ab.
    Und wer es nicht glaubt, der rechnet einfach mal selber.

  • 23.03.2013, 13:07 UhrRDA

    Ohne die verpatzte Steuerreform 2000 hätte Deutschland schon seit 2001 jedes Jahr Schulden tilgen können - die Haushaltslöcher wurden nämlich über Ausgabenkürzungen gegenfinanziert und führten zu einer Schrumpfung von Wirtschaft und Steuereinnahmen. Außerdem wäre keine Agenda 2010 notwendig geworden und der Stabilitäts- und Wachstumspakt hätte auch nicht aufgeweicht werden müssen. Zu guter letzt hätten auch die Rentenkürzungsorgien der Jahre 2001 und 2004 nicht erfolgen müssen - bei denen ging es nie um Generationengerechtigkeit, sondern nur darum, über den Beitragssatz den Bundeszuschuss zu deckeln und die Arbeitgeber aus der paritätischen Finanzierung zu entlassen.

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