IfW-Studie
Mindestlöhne schwächen Geringqualifizierte

Gesetzliche Mindestlöhne schmälern die Chancen für schlecht ausgebildete Beschäftigte, in den Arbeitsmarkt integriert zu werden. Zu dieser Erkenntnis kommt Dennis Snower, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), gemeinsam mit seinem Kollegen Wolfgang Lechthaler in einer noch unveröffentlichten Studie, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt.

DÜSSELDORF. „Durch Mindestlöhne entsteht eine langfristige Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt“, fasst seine Studie Snower zusammen. Einkommens- und Beschäftigungschancen klafften stärker auseinander, so dass genau der gegenteilige Effekt erreicht werde, den Befürworter eines Mindestlohnes erwarteten.

Die beiden Ökonomen haben empirisch untersucht, wie sich einheitliche gesetzliche Mindestlöhne auf die Anreize für Unternehmen auswirken würden, Beschäftigte auszubilden. Festgestellt haben sie zwei gegenläufige Effekte: Zum einen komprimierten Mindestlöhne die Lohnstreuung der Unternehmen erheblich. Für Unternehmen schmälere das die Spielräume, Löhne entsprechend der Produktivität anzupassen. Das wiederum steigere ihren Anreiz, verstärkt in Ausbildung zu investieren, somit die Produktivität ihrer Beschäftigten zu steigern ohne die Löhne entsprechend anzupassen.

Zum anderen verteuerten Mindestlöhne Arbeitskosten für Unternehmen und senkten so die Rentabilität der Beschäftigten – mit der Folge, dass die Kündigungsrate steige. Je höher diese sei, desto weniger lohne es sich für Unternehmen, verstärkt auszubilden.

„Anhand deutscher Arbeitsmarktdaten der jüngsten Vergangenheit stellt sich deutlich heraus, dass der zweite Effekt massiv stärker ist als der erste“, so Snower. Das Ausbildungsangebot der Privatwirtschaft würde durch Mindestlöhne also stark beeinflusst. Wenn der deutsche Mindestlohn die Hälfte des Durchschnittslohns betrage, würden die Minderqualifizierten um bis zu elf Prozent seltener ausgebildet, ergab die Studie. Zudem würde das Durchschnittseinkommen der schlechter Qualifizierten Arbeitnehmer um sieben Prozent fallen. Und das gilt trotz eines Mindestlohns – auf Grund der für Geringqualifizierte gestiegenen Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden.

Die Folge: Leistungsstarke Beschäftigte, die mehr leisten als sie kosten, verbleiben in den Unternehmen. Die Schwächeren dagegen, deren Produktivität unter dem Mindestlohn liegt, würden aus den Unternehmen gedrängt. „Mindestlöhne sind aus Sicht der Geringqualifizierten daher eine Falle“, analysiert IfW-Präsident Snower. Das sei „besonders schädlich für die deutsche Wirtschaft", da die Verteilung der Fähigkeiten in der deutschen Bevölkerung nachhaltig die Verteilung der Arbeitseinkommen bestimme.

Damit reihen sich die IfW-Wissenschaftler ein in eine Vielzahl renommierter Ökonomen, die gesetzliche Mindestlöhne für ein falsches Instrumentarium halten. Erst vor einigen Tagen hatte das Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) gewarnt, die Einführung eines allgemeinen gesetzlichen Mindestlohns würde hunderttausende Mini- und Midijobs gefährden. Als „gravierend“ hatte IZA-Arbeitsmarktexperte Hilmar Schneider die ökonomischen Folgeschäden bezeichnet.

Auch der wissenschaftliche Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums hatte bereits im Frühjahr berechnet, ein gesetzlicher Mindeststundenlohn von 7,50 Euro gefährde 2,4 Millionen Jobs. Gewerkschaften machen sich dagegen seit Monaten für einen solchen Mindestlohn stark.

Eine Regierungskommission unter Leitung von Vizekanzler und Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) soll nun bis Ende Oktober ein Konzept für den Niedriglohnsektor entwickeln. Zwar lehnen CDU/CSU einen einheitlichen gesetzlichen Mindestlohn rigoros ab, und auch in der SPD gibt es Vorbehalte. Dennoch will die Koalition über Mindestlöhne ebenso diskutieren wie über Kombilöhne.

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