IG-BCE-Chef Schmoldt
„Wir haben uns doch nicht unterworfen“

Die Verantwortung für Kaufkraftverluste der deutschen Arbeitnehmer liegt nach Ansicht des Chefs der Chemiegewerkschaft IG BCE, Hubertus Schmoldt, in erster Linie beim Staat. Vorwürfe, mit zu vielen Zugeständnissen an die Arbeitgeber indirekt auch die Binnenkonjunktur abgewürgt zu haben, wies der Gewerkschaftschef im Interview mit dem Handelsblatt zurück.

Herr Schmoldt, haben Sie durch falsch verstandene Vernunft der Konjunktur geschadet?

Bitte? Wem soll ich geschadet haben?

Nun, ein populärer Vorwurf lautet: Die deutsche Industrie habe ihre Weltmarkterfolge gekauft - bezahlt mit der Lohnzurückhaltung der Arbeitnehmer. Das richtet sich ja wohl wesentlich an Sie?

Sie vertreten die Thesen von Oskar Lafontaine und seinen Leuten. Die sagen: Man müsste nur die Löhne in der Industrie richtig hochschrauben, dann fällt am Ende der Kette auch für die Beschäftigten im Dienstleistungssektor mehr ab. Es wäre ja angenehm, wenn die Welt so einfach funktionieren würde. Meine These ist das nicht.

Sie führen seit fast 15 Jahren eine Gewerkschaft, die für ihre flexible Tarifpolitik bekannt ist. Gab es eventuell zu viel der Harmonie?

Wir pflegen die Sozialpartnerschaft in der Chemie-Industrie doch nicht, weil wir uns den Arbeitgebern unterworfen hätten. Das Fundament dieses - ich finde: bemerkenswert erfolgreichen - Modells ist, dass beide Seiten den Wert des kooperativen Miteinanders immer wieder neu bestätigt finden. Das zahlt sich durch ordentliche Tarifabschlüsse aus, aber auch durch eine hohe Bereitschaft der Unternehmen zu sozialer Verantwortung.

Trotzdem lässt sich kaum leugnen, dass Deutschland eine recht niedrige Konsumquote hat ...

Ebenso wenig wie sich leugnen lässt, dass wir in der Industrie fast durchweg Tariferhöhungen oberhalb des gesamtwirtschaftlichen Durchschnitts hatten. Beispiel Chemie: Die Verbraucherpreise sind seit 2000 um 15 Prozent gestiegen, wir haben die Tarifentgelte immerhin um gut 23 Prozent erhöht. Zudem gab es bei verschiedenen Tarifabschlüssen einmalige Zahlungen in ansehnlicher Höhe.

Vielleicht war das nicht genug?

Finden Sie? Natürlich hätte man von allem immer gerne noch etwas mehr. Aber auch wir als Gewerkschaften kommen nicht völlig daran vorbei, dass Exportunternehmen im weltweiten Wettbewerb stehen. Eine Tarifpolitik ganz ohne Rücksicht auf Kosten und Preise ginge am Ende wohl leider zulasten der Beschäftigung. Auch das wäre nicht gut für den Konsum.

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