IG-BCE-Chef Vassisliadis
„Aus Arbeitnehmern dürfen keine kleinen Unternehmen werden“

Auf Schloss Meseberg diskutiert Kanzlerin Merkel am Donnerstag mit Sozialpartnern und Ministern über „Arbeit 4.0“. IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis erläutert vorab, was ihm bei Arbeit im digitalen Zeitalter wichtig ist.
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In einem Papier haben die Arbeitgeber formuliert, was ihnen bei Arbeit 4.0 wichtig ist: keine Regulierung von Leiharbeit und Werkverträgen, weniger Mitbestimmung, längere Arbeitszeiten. Überrascht Sie das?

Vassiliadis: Das Papier ist aus meiner Sicht ein Roll back des Diskussionsstandes. Wenn die Mitbestimmung Entscheidungsprozesse wirklich so verlangsamt, wie die Arbeitgeber vorgeben, warum feiern wir dann, dass wir die Krise 2008 gemeinsam so gut überstanden haben? Ich kann den Ansatz des Papiers nicht nachvollziehen.

Wie meinen Sie das?

Bisher haben wir uns gemeinsam als Treiber der Modernisierung verstanden, auch wenn die zuweilen Rationalisierung und damit Arbeitsplatzverluste bedeutete. Aber sie ist notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, Arbeitsplätze zu sichern und neue zu schaffen. Das gilt auch für die Stufe der Digitalisierung. Aber statt in Ruhe zu analysieren, was jetzt notwendig ist, machen die Arbeitgeber daraus schon zu Beginn der Debatte eine emotionale Veranstaltung.

Wie erklären Sie sich diese Emotionalität?

Die Arbeitgeber waren es über Jahre gewöhnt, dass ihre Wünsche erfüllt wurden. Das ist unter Schwarz-Rot etwas anders geworden, und Entwöhnung tut weh. Das erklärt auch die Reflexe beim Mindestlohn. Ich kann verstehen, wenn kleine Unternehmen Probleme mit den notwendigen Dokumentationspflichten haben. Aber dass die ganze Nation des Exportweltmeisters über das vermeintliche Bürokratiemonster diskutiert und so tut als stehe der Untergang des Abendlandes bevor - das ist doch absurd.

Also brauchen wir für die Arbeit 4.0 gar keine Reform des Arbeitszeitgesetzes, wie sie jetzt gefordert wird?

Das Arbeitszeitgesetz ist ja nur der Rahmen, der von den Unternehmen gemeinsam mit den Gewerkschaften und Betriebsräten ausgestaltet wird. Fragen wie die Gestaltung von Heimarbeit, flexiblen Arbeits- oder Bereitschaftszeiten lassen sich auch mit neuen Instrumenten im Betriebsverfassungsgesetz lösen.

Die Sorge der Arbeitgeber vor der Regulierung von Leiharbeit und Werkverträgen ist auch übertrieben?

Auch da gilt: Wir dürfen wir das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Die IG BCE hat sich da klar positioniert. Flexibilität unter vernünftigen Bedingungen ja, aber den Missbrauch wollen wir verhindern, der Wildwuchs muss zurückgeschnitten werden. Das wird nicht einfach, aber darüber müssen wir mit den Arbeitgebern reden. Im Übrigen haben wir ja auch schon einige Erfolge erzielt, das gilt beispielsweise für einige Tarifverträge in der Leiharbeit.

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