IG Metall droht und testet neue Strategien
Tarifstreit der Stahlbranche spitzt sich zu

Im Tarifkonflikt der Stahlindustrie droht die IG Metall den Arbeitgebern mit einer Eskalation. „Wenn wir auch diesmal zu keinem greifbaren Ergebnis kommen, wird es Streiks geben, wie sie die Branche noch nicht gesehen hat“, kündigte Verhandlungsführer Detlef Wetzel an.

BERLIN. Bisher habe die Gewerkschaft in einer halben Woche mit Warnstreiks einen Produktionsausfall von 40 000 Tonnen Stahl verursacht. Dies lasse sich leicht noch deutlich steigern. Am heutigen Mittwoch treffen sich die Tarifparteien in Gelsenkirchen zur fünften Verhandlungsrunde. Angesichts der boomenden Stahlkonjunktur ist die IG Metall mit der rekordverdächtigen Forderung von sieben Prozent mehr Lohn für die 85 000 Beschäftigten der Branche angetreten. Anfang September hatte der Arbeitgeberverband Stahl Erhöhungen von drei Prozent für die Laufzeit von 19 Monaten angeboten sowie eine Einmalzahlung von 500 Euro.

Der weitere Verlauf der Auseinandersetzung könnte in verschiedener Hinsicht Signalwirkung für die nächsten großen Tarifrunden haben. Zwar ist die von wenigen großen Unternehmen geprägte Stahlindustrie nicht direkt mit der weitaus stärker differenzierten Metall- und Elektroindustrie vergleichbar. Ein erfolgreicher Tarifkampf der IG Metall für die Stahlkocher könnte aber indirekt den Erwartungsdruck der 3,5 Millionen Metaller steigern, deren nächste Tarifrunde zum Jahreswechsel beginnt. Zudem erprobt die IG Metall in der Stahlindustrie ergänzend einen neuen tarifpolitischen Ansatz, der speziell auf die Interessen älterer Arbeitnehmer zielt und der im Erfolgsfall ebenfalls zu einem Vorbild für andere Tarifbereiche werden könnte.

Das Konzept unter der Überschrift „Altersgerechtes Arbeiten“ zielt Wetzel zufolge darauf, Probleme einer drohenden Überalterung von Belegschaften vorausschauend zu entschärfen. „Wenn wir nichts ändern, wird künftig ein immer geringerer Anteil der Beschäftigten gesund und damit auch produktiv für das Unternehmen arbeiten können“, erläutert der nordrhein-westfälische IG-Metall-Bezirksleiter, der als tarifpolitischer Vordenker mit Ambitionen auf ein Spitzenamt in der Frankfurter Gewerkschaftszentrale gilt.

Die Stahlindustrie ist nach seiner Diagnose von den Problemen besonders stark betroffen, da nicht nur der Anteil körperlich stark belastender Arbeit besonders groß sei. Zugleich seien die Belegschaften deutlich älter als in der übrigen Wirtschaft: Während nach Angaben der Gewerkschaft in der Gesamtwirtschaft etwa 20 Prozent der Beschäftigten älter als 50 Jahre sind, liegt der Anteil in der Stahlbranche bereits bei 30 Prozent. Die Tendenz sei zudem dadurch verschärft worden, dass die Stahlfirmen immer weniger junge Beschäftigte neu einstellen.

Zu den tarifpolitischen Lösungsmöglichkeiten zählen aus Sicht der IG Metall etwa spezielle Arbeitszeitverkürzungen für Ältere, Übernahmegarantien für Auszubildende und ein tarifvertraglicher Rahmen für Betriebsvereinbarungen über eine altersgerechte Arbeitsorganisation. Zwar habe man nicht den Anspruch, in der aktuellen Lohnrunde bereits eine umfassende Lösung durchzusetzen, so Wetzel. Wichtig sei aber, dass sich die Arbeitgeber auf einen „unumkehrbaren Prozess“ einlassen. Dass Zugeständnisse der Arbeitgeber bei diesem Thema mit Lohnerhöhungen verrechnet werden müssten, sieht die IG Metall dabei nicht. „Die Arbeitgeber müssten uns vielmehr dankbar sein, dass wir sie bei der Lösung eines demographischen Problems begleiten wollen“, sagt der Gewerkschafter.

Als weitere Begründung für den neuen tarifpolitischen Ansatz führt die IG Metall den Abbau gesetzlicher Frühverrentungsoptionen und die geplante Anhebung des Rentenalters an. Denn damit würden die demographischen Probleme in den Betrieben weiter verschärft, betont Wetzel und liefert damit ein Argument, mit dem Ende 2006 ähnliche Forderungen auf die Metall-Industrie übertragen werden könnten.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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