IG Metall
Jürgen Peters' geschäftsmäßiger Abgang

Mit seinem Geschäftsbericht über die letzten vier Jahre hat Jürgen Peters am Montag seine letzte offizielle Rede als IG-Metall-Chef gehalten – geschäftsmäßig, ohne sentimentale Regung. Seine entscheidende Leistung als Vorsitzender: Er hat darauf verzichtet, auf die Bremse zu treten.

LEIPZIG. Ausgerechnet Jürgen Peters: Vor vier Jahren hätte sich die IG Metall fast zerlegt, als er sich mit unerbittlicher Härte gegen alle Widersacher den Posten des ersten Vorsitzenden erkämpfte. Unter seiner Regie als oberster Tarifstratege waren die Metaller zuvor in das Desaster um den gescheiterten Streik für die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland gerutscht. Trotzdem focht er mit seinen Bataillonen seinen Führungsanspruch gegen die Truppen von Berthold Huber durch.

Und heute? Auf dem Gewerkschaftstag in Leipzig wird der Machtstratege am Dienstag zum ersten IG-Metall-Chef seit 20 Jahren, der sein Amt plangemäß an den Nachfolger übergibt. Mit seinem Geschäftsbericht über die letzten vier Jahre hat Peters am Montag seine letzte offizielle Rede als IG-Metall-Chef gehalten – geschäftsmäßig, ohne sentimentale Regung. Nur die turbulente Vorgeschichte seiner Amtszeit vor Augen, konnte man vielleicht einen Hauch Selbstrechtfertigung heraushören.

Die Metaller hätten „einen schweren Sturm zu überstehen“ gehabt. So sei es darum gegangen, die IG Metall wieder zusammenzuführen und zu einer starken Kraft zu machen. „Allen Widerständen und Widrigkeiten zum Trotz“ fasst er die Leistungen unter seiner Führung zusammen: „Wir haben unsere Ziele erreicht.“ Peters als Retter einer geschundenen Großorganisation? Er wahrt sicheren Abstand zu jenem Punkt, an dem Selbstüberhöhung beginnt. Andererseits: Was hätte der IG Metall in den vergangenen Jahren Besseres passieren können als das Interregnum von Peters?

Der Führungsstreit war nun einmal nicht nur ein Machtkampf unter ein paar eitlen Männern, sondern auch Symptom einer tiefen Spaltung von der Spitze zur Basis. Und irgendwie, lässt sich nun feststellen, hat der gelernte Maschinenschlosser Peters trotz oder gerade wegen seiner Rolle als Identifikationsfigur der „Traditionalisten“ einen friedlichen Wandel ermöglicht.

Seine entscheidende Leistung lag darin, finden selbst Arbeitgeber, dass er Modernisierung in wichtigen Punkten nicht verhindert hat. Ob beim „Pforzheimer Abkommen“ für betriebliche Abweichungen vom Flächentarif oder bei den jüngsten Lohnabschlüssen mit variabler Ertragskomponente: Mag Berthold Huber, der heute endgültig an die Spitze tritt, dabei auch stärker als treibender Stratege gewirkt haben – Peters bürgte dafür, dass die Neuerungen auch bei den Skeptikern Vertrauen gewannen.

Das spiegelt sich auch in den 500 Anträgen, die den Delegierten zur Debatte vorliegen: praktisch keine Fundamentalkritik am Kurs der Gewerkschaft, kein Thema, das leidenschaftliche Kontroversen verheißt. Und selbst der vor wenigen Jahren noch dramatische Mitgliederschwund scheint inzwischen beim Stand von 2,3 Millionen beinahe gestoppt.

Die Herzen seiner einstigen Gegner hat Peters freilich nicht erobert. „Gut, dass er einen friedlichen Übergang ermöglicht hat“, sagt einer. „Gut, dass die vier Jahre nun vorbei sind“, ein anderer. Der Tagungsleiter dankt nach dem Geschäftsbericht höflich dafür, dass Peters seine Redezeit nicht überschritten habe. Eine feierliche Verabschiedung ist aus gutem Grund erst für heute, nach der Vorstandsneuwahl, geplant. Eigentlich will der 63-Jährige den höchsten Metaller-Posten ja auch noch gar nicht freigeben: Chef des Internationalen Metallgewerkschafts-Bundes (IMB) bleibt Peters bis 2009.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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