IG Metall kämpft um Krisen-Ende
Aufarbeitung im Sieben-Minuten-Takt

Anfangs erfolgt die Aufarbeitung im Sieben- Minuten-Takt. Sieben Minuten, bis auf dem Gewerkschaftstag der IG Metall die Ampel am Rednerpult von grün auf gelb und dann auf rot springt. Sieben Minuten, um den Frust über die schlimmste Streikniederlage in der Gewerkschaftsgeschichte und die folgende Schlammschlacht loszuwerden. Doch bald ist klar, dass die Zeit zu Großzügig bemessen ist - 104 Wortmeldungen liegen vor, zu groß ist der Gesprächsbedarf. Nach und nach muss die Ampel schneller geschaltet werden.

HB/dpa FRANKFURT. Aber bei all dem Ärger über die vergangenen Wochen gibt es in den Reihen der knapp 600 Delegierten gegen die Verkürzung der Redezeit kaum Widerspruch. Noch mehr als das Verlangen nach abschließender Aufarbeitung eint die Gewerkschafter im Frankfurter Congress Center der Wunsch, dass die Selbstbeschäftigung nun endlich ein Ende nimmt. Auch wenn das Ergebnis dann so aussieht, als ob es das Streikdebakel im Osten nie gegeben hätte.

Kurz nach zwölf ist es am Sonntag so weit: Punkt 12.12 Uhr kann sich Jürgen Peters als neuer Vorsitzender der IG Metall feiern lassen. Der 59-Jährige bekommt allerdings nur 66,1 %. Keiner kann sich daran erinnern, dass es in der langen IG-Metall-Geschichte für einen Vorsitzenden jemals ein so schwaches Ergebnis gegeben hätte. Kurz darauf wird der baden-württembergische Bezirksleiter Berthold Huber zur neuen Nummer zwei gewählt, ebenfalls nur mit Zwei- Drittel-Mehrheit.

Die Wunden sind also noch lange nicht verheilt. Aber wenigstens haben die Absprachen zwischen den verschiedenen Lagern einigermaßen gehalten. Das neue Führungsduo aus „Traditionalist“ und „Modernisierer“ steht so, wie es der Vorstand schon im April verabredet und dann nach langem Hin und Her im Juli bekräftigt hatte. Auch wenn die Basis zwischendurch heftig gemurrt hatte.

Und irgendwie sind alle erleichtert, dass auch die zwölfstündige Aussprache ohne neuen Streit vorübergegangen ist. Allein die Siemens- Betriebsrätin Birgit Steinborn aus Hamburg legt in der Debatte Peters personelle Konsequenzen nahe. Ein Mensch, in dessen Verantwortungsbereich eine solche Niederlage und solche Fehler passierten, dürfe keine Karriere mehr machen. „Ob ihn persönliche Schuld trifft oder nicht: Das lehne ich im Unternehmen ab, in der Politik und in der Gewerkschaft.“

Aber die Verteidigungsstrategie von Peters und seines ostdeutschen Streikleiters Hasso Düvel hält. Die beiden geben zwar allgemein „Fehleinschätzungen“ zu, doch von eigenen Fehlern reden sie nicht. Zugleich zeigen sie mit dem Finger auf die mächtigen Betriebsräte der westdeutschen Automobilindustrie, die in der letzten Streikwoche mit ihrer Kritik nicht mehr hinter dem Berg hielten.

Diese wollen von mangelnder Solidarität nichts wissen. Von einer „Dolchstoßlegende“ spricht der Betriebsratschef von Daimler-Chrysler, Erich Klemm. Trotzdem sitzt der Groll gegen sie tief: Porsche- Betriebsratschef Uwe Hück muss sich als „politischer Geisterfahrer“ beschimpfen lassen, der „mal schnell mit seinem Porsche in die „Tagesthemen“ fährt“. Und der Opel-Kollege Klaus Franz ist einer der wenigen, dem wegen Überschreitung der Redezeit das Mikrofon abgedreht wird.

Was aber fast alle Metaller gleichermaßen umtreibt, ist der dramatische Mitgliederschwund auf jetzt nur noch 2,55 Millionen. Dagegen wollen sie vom neuen Vorstand Rezepte wissen. Und die meisten wollen innerhalb der Gewerkschaft auch mehr Demokratie. „Man darf in Frankfurt nicht davon ausgehen, dass man sich nur etwas überlegen muss und dann wird es in jedem Betrieb schon so laufen“, sagt Wolfgang Nieke aus Stuttgart. „Wer mitmacht, will auch mitentscheiden“, pflichtet der Frankfurter Delegierte Werner Bastian bei.

In diesem Sinne ist die Debatte über die Streikfolgen also lange nicht beendet - auch wenn es die längste Aussprache über einen Geschäftsbericht des Vorstandes auf einem IG-Metall-Gewerkschaftstag war. Das weiß auch der neue Vorsitzende. „Die Diskussion, wie wir die IG Metall stark und zukunftsfähig machen, liegt noch vor uns“, hämmert Peters den Delegierten entgegen. Fortsetzung auf dem zweiten Teil des Gewerkschaftstages, Mitte Oktober in Hannover.

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