IG Metall lehnt „systematische“ Kostensenkung ab
Metallindustrie droht mit Abwanderung

Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall weiß, wie man auf die IG Metall Druck ausübt. Für den 29. Januar, mitten in der Metalltarifrunde, hat er zu einem Forum nach Düsseldorf unter der provozierenden Headline eingeladen: „Wie viel Deutschland verträgt die Metall- und Elektroindustrie?“

FRANKFURT. In seinem Pressedienst wirbt Gesamtmetall dafür, den Verlagerungszug ins Ausland aufzuhalten. Der Produktionsstandort Deutschland sei an vielen Stellen nicht mehr wettbewerbsfähig, argumentiert der Verband. Die westdeutsche Metall- und Elektroindustrie habe mit einer Jahres-Sollarbeitszeit von 1 542 Stunden weltweit die kürzeste tarifliche Arbeitszeit und mit 28,60 Euro (2002) die höchsten Arbeitskosten pro Stunde.

Um die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, setzt Gesamtmetall der IG-Metall-Forderung von 4 % mehr Lohn und Gehalt ein Lohnangebot von etwa 1,4 % bei 24 Monaten Laufzeit und die Einrichtung eines Arbeitszeitkorridors von 35 bis 40 Stunden entgegen. Die Betriebe sollen durch freiwillige Vereinbarungen die Wochenarbeitszeit selbst festlegen und auch entscheiden können, ob und wie zusätzliche Arbeitszeit entlohnt wird. Im deutschen Maschinen- und Anlagenbau gibt es nach einer Befragung in jedem dritten Betrieb ein Beschäftigungsbündnis. Dabei haben sich in jedem vierten dieser Bündnisbetriebe Geschäftsführung und Belegschaft für eine Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich entschieden. In Ostdeutschland werden tariflich 38 Stunden und effektiv 39,2 Stunden gearbeitet.

Die Metallarbeitgeber im Südwesten werden heute ein erstes konkretes Angebot vorlegen. Gesamtmetall verweist darauf, die deutschen Metallbetriebe müssten einfache Arbeiten, zunehmend aber auch Facharbeiter- und Ingenieurarbeiten ins kostengünstigere Ausland verlagern. Nur mit solchen Mischkalkulationen könnten sich viele Firmen behaupten. Die Illusion, Verlagerungen gänzlich stoppen zu können, hegt Gesamtmetall nicht. Aber man müsse aus beschäftigungspolitischen Gründen ihr Tempo verlangsamen, fordert der Verband.

Die IG Metall hält unter Bezug auf eine Studie des Fraunhofer-Instituts dagegen: Die Verlagerungen hätten sich in den letzten Jahren bereits verlangsamt. Zwischen 1999 und 2001 hätten 21 % der Betriebe der Metall- und Elektroindustrie Teile der Produktion ins Ausland verlagert, 7 % jedoch Produktion wieder rückverlagert.

Dabei bestreitet die IG Metall nicht, dass sich Standortentscheidungen über das Tarifniveau beeinflussen lassen. Dass beispielsweise die Mercedes-A-Klasse ohne einen Beschäftigungspakt der Daimler-Beschäftigten heute wohl nicht im badischen Rastatt produziert würde, hat sie gerade bei einem Presse-Seminar deutlich gemacht. Entscheidend ist für sie aber, dass solche Zugeständnisse fallbezogene Einzelentscheidungen unter der Kontrolle der Tarifparteien bleiben.

„Wir können uns nicht auf ein System einlassen, das den Standortwettbewerb nur noch weiter verschärft“, sagt ihr Zweiter Vorsitzender Berthold Huber. Genau das aber wäre nach IG-Metal-Lesart das Ergebnis eines Zeitkorridors, wie ihn die Arbeitgeber fordern. Zugleich, betont Huber, habe er keine prinzipiellen Einwände gegen einen Tarifrahmen, in dem die Arbeitszeit nach Bedarf zwischen 30 und 40 Stunden „oszillieren“ könne – dies aber nur solange, wie es um Arbeitszeitflexiblität auf Basis der 35-Stunden-Woche und nicht um Kostensenkung gehe.

Die wichtigsten Motive für den Aufbau ausländischer Produktionsstätten sind niedrigere Produktionskosten und die Erschließung neuer Märkte sowie die Nähe zu Großkunden. Die IG Metall erkennt ein neues Muster der Investitionspolitik: In der Regel gehe es nicht um die Verlagerung der gesamten Produktionskette, sondern um Produktionsabschnitte. „Und zwar solche“, sagt Huber, „bei denen deutsche Beschäftigte keinen entscheidenden Qualifikationsvorsprung haben.“ Daher setzt er darauf, diesen Vorsprung zu sichern. Versuche, dennoch den Kostenwettbewerb zu führen, wären aus dieser Warte eher kontraproduktiv.

Neben hoher Produktivität und wettbewerbsfähigen Lohnstückkosten im Inland führt IG-Metall-Zentrale auch hohe Exportüberschüsse an, um die Verlagerungen zu relativieren. Zudem gebe die Bilanz der Nettodirektinvestitionen für die Metallindustrie keinen Anlass zur Dramatik. Die Verlagerungen seien mehr ein gefühltes als ein tatsächliches Problem. Der Kapitalexport sei seit 1999 stark rückläufig, 2002 habe es sogar eine leichte Desinvestition im Ausland gegeben.

Die hohen Kosten einer Verlagerung lassen manche Unternehmen von einer Verlagerungsabsicht wieder Abstand nehmen. Gesamtmetall argumentiert indes, jeder zweite Maschinenbauer plane im Zeitraum von 2003 bis 2005 den Auf- und Ausbau ausländischer Standorte. Der DIHK geht auf der Basis einer Umfrage davon aus, dass deutsche Unternehmen auf Grund deutscher Standortnachteile 2004 und 2005 durchschnittlich 50 000 Arbeitsplätze im Ausland und nicht in Deutschland schaffen werden.

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