IG Metall-Spitzenduo
Mit einer Frau aus der Krise

Schwäbische Mundart trifft Powerfrau: Mit Jörg Hofmann und Christiane Benner will es die IG Metall aus der „existenzbedrohenden“ Krise schaffen. Zum ersten Mal steht damit eine Frau an der Spitze des Männervereins.

FrankfurtBesser hätte der Gewerkschaftstag, der die Krönung seiner Karriere besiegeln sollte, kaum beginnen können. Am Sonntag beendete der VfB Stuttgart seine lange Durststrecke und bezwang den Aufsteiger FC Ingolstadt mit 1:0. Für den Schwaben und bekennenden VfB-Fan Jörg Hofmann ein Auftakt nach Maß.

Auch die IG Metall hat eine lange Durstrecke hinter sich. Viel zu lange hat sich die weltgrößte Einzelgewerkschaft auf Beschäftigte mit sicherem Job und Tarifgehalt konzentriert, wie Detlef Wetzel, den Hofmann jetzt an der Spitze ablöst, sagt. Dies habe zu einer „existenzbedrohenden“ Krise für die IG Metall geführt. Wetzel und sein Vorgänger Huber haben die Gewerkschaft breiter aufgestellt, neue Zielgruppen etwa unter Leiharbeitern erschlossen und in die Mitgliederwerbung investiert. Und so übernimmt Hofmann nun eine wiedererstarkte Organisation, die sich in diesem Jahr über den fünften Mitgliederzuwachs in Folge freuen kann.

Der 59-Jährige aus dem schwäbischen Berglen ist keine Rampensau, die die Mai-Bühnen rockt, er überzeugt eher in der Debatte in kleiner Runde – und das in einem sanften Schwäbisch. „Die Leute wollen Arbeit mit Perschpektive“, sagt er, „und die Gewerkschaften können einen Beitrag leischten für das Wohlergehen der Industrie“. Die Mundart lässt leicht vergessen, dass der Sohn eines Lehrerehepaars ein sehr kreativer Intellektueller ist. Nach einer Ausbildung in der Landwirtschaft studierte er Ökonomie und Soziologie in Stuttgart, Paris und Bremen. Weil er sich bis ins Detail in jedes Thema einarbeitet – egal ob es um den CO2-Ausstoß der Autoflotten geht oder die Verästelungen von Entgelttabellen – kann er vermeintliche Fachleute zuweilen an den Rand der Verzweiflung bringen.

Manchmal kommt er in seiner Denke aber auch ein bisschen kompliziert daher, sagen Leute, die mit ihm zu tun haben. Von hinten durch die Brust ins Auge, gewissermaßen. Hofmann zeigt sich durchaus offen für pragmatische Lösungen, weicht aber keinen Millimeter bei Themen die ihm wichtig sind, etwa wenn die Arbeitgeber an der Arbeitszeit rütteln wollen: Die lachende Sonne im Kampfsymbol für die 35-Stunden-Woche, das ist für Hofmann ein Dogma, sagt einer, der ihn aus vielen Tarifverhandlungen kennt.

Es wird deshalb nicht ganz einfach für den Vater einer Tochter, der mit einer Französin verheiratet ist, wenn die IG Metall nun neue Arbeitszeitmodelle für das digitale Zeitalter finden will. Eine Gratwanderung steht dem Schwaben auch in der Autoindustrie bevor, wo man Leiharbeit und Werkverträge als Flexibilisierungsinstrument schätzt. Für die IG Metall muss Hofmann nun ausgerechnet den Kampf dagegen orchestrieren, gleichzeitig sitzt er aber im Aufsichtsrat von Daimler und Bosch.

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