Illner-Talk
Von Voodoo, Korinthen und Swingerclubs

Ghaddafi-Debatte kurios: Oskar Lafontaine verbrüdert sich mit Dirk Niebel, Kienzle findet einen neuen Hauser und ein Deutsch-Ägypter sieht die Bundesregierung splitterfasernackt.
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DüsseldorfDrei Männer, drei Probleme: Der eine täuscht, der andere ist zu ehrlich und der dritte einfach nur verrückt. Zwei (Ex-)Minister und ein Despot in Tripolis machen der Kanzlerin derzeit das Leben schwer. Erst schmälert der fränkische CSU-Baron Karl-Theodor zu Guttenberg Angela Merkels Glaubwürdigkeitskonto – und nun spielen auch noch die Gelben verrückt. Ausgerechnet FDP-Wirtschaftsminister Rainer Brüderle kann seine pfälzische Klappe nicht halten. „Wahltaktische Beweggründe“ für das Atom-Moratorium. Geht`s noch?

Man hatte doch ganz klar ausgemacht, bis zum nächsten Sonntag, 18 Uhr gilt: „Salus publica suprema lex“ - das öffentliche Wohl ist das höchste Gesetz. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Mit Wahlkampf, das ist die Botschaft, hat das rein gar nichts zu tun. Das gleiche gilt für Problemfall Nummer drei. Man hält sich im Luftkampf gegen Muammar al-Gaddafi vor allem deshalb raus, um die Bundeswehr nicht nicht in den Krieg zu schicken und damit zu überfordern. Logisch. Es gibt bereits genug deutsche Sicherheit zu verteidigen, am Hindukusch in Afghanistan.

Doch es nutzt nichts, die Opposition nervt trotzdem weiter. Und die Fernsehtalker greifen das Thema begierig auf. Auch Maybrit Illner will mit der Libyen-Sache – natürlich - Quote machen. „Ohne uns gegen Gaddafi – ist Deutschland ein Drückeberger?“, fragt sie am Donnerstagabend im TV. Also, wen schickt die Regierung in die ZDF-Talkrunde fünf Tage vor der Zitterwahl im Ländle? Sicher nicht Brüderle. Vielleicht jemanden mit mehr Wortgewandtheit und Taktgefühl? Genau, Dirk Niebel. Der Entwicklungshilfeminister kennt sich aus mit strauchelnden Regimen. Im Januar erst war er im Jemen. Dort lässt der König auch gerade auf sein eigenes Volk schießen. Aber deshalb „kann man nicht überall militärisch intervenieren“, bemerkt der FDP-Mann scharf.

Moment. FDP, steht das nicht für Freiheit? Und dafür kämpfen die Libyer doch. Ach so, Herr Niebel ist sich da nicht so sicher. „Ich höre, dass sich der ehemalige Innen- und der ehemalige Justizminister auf Seiten der demokratischen Bewegung bewegen.“ Der eine sei derjenige, der die bulgarischen Krankenschwestern als Geiseln genommen habe und der andere offenkundig für Völkerrechtsverletzungen verantwortlich. Ohnehin sei ein Militäreinsatz immer die „ultima ratio“. Man wisse schließlich nie, wohin so etwas führe. In einen „dritten Nahostkrieg“ vielleicht, zumal UN-Generalsekretär Ban Ki Moon wegen des Kampfjet-Einsatzes in Libyen von Ägyptern bereits mit Steinen beworfen worden sei.

Applaus, Applaus – von Oskar Lafontaine. Linke und FDP, Maybrit Illner hat sie friedlich vereint. „Wenn die FDP in der Friedensfrage unsere Auffassung teilt, begrüßen wir das“, verkündet Lafontaine – und kann sich ein hämisches Grinsen nicht verkneifen. Ein Lob vom früheren Linken-Chef? Eine gelb-rote Koalition auf orangefarbenen Talkshowstühlen? Niebel schaut, als wüsste er nicht, ob er lachen oder weinen solle.

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  • Ein Verrückter in Karnevalsuniform hat jahrelang doppelstöckige Sahnetorte serviert. Die einen schnitten sich ein Stück Sozialismusromantik ab, die andern ein noch fetteres in Erdöl getränktes Stück Hochkapitalismus. Was für eine schizophrene Götterspeise! Auch Oskar Lafontaine hat mitgespiesen und schwört jetzt scheinheilig auf die Gewaltfreiheit Gandhis. Friedlicher als in Lybien hätte die Oposition ihre Revolte nicht beginnen können. Tausende von Menschen wurden einfach abgeschlachtet. Nicht einmal die britischen Kolonialherren haben sich in Indien so aufgeführt. Nein, weder Gandhi noch Martin Luther-King sind Menschen, die im Lybien Gaddafis nur einen Tag Überlebenschance hätten. Je länger dieser Krieg dauert, desto gewaltvoller wird die einsmals gewaltlose Protestbewegung. Das ist das, was Gaddafi schlussendlich will. Damit er sich für sein Handeln rechtfertigen kann. Eine zynischere Haltung als jene von O. Lafontaine gibt es nicht.

  • @KXXX: Ich bin absolut Ihrer Meinung.

    Es kann wirklich nicht die 1. Wahl sein einen Krieg zu beginnen. Ich befürworte die deutsche Position, unabhängig davon welche diplomatischen Auswirkungen das haben sollte.

    Die beteiligten Parteien werden schon sehen, dass sie aus diesem Konflikt nicht mehr so schnell rauskommen werden. Einen weiteren Endloskonflikt wie in Afganistan kann sich doch wirklich kein Mensch wünschen. Umso verwunderter musste ich feststellen, dass selbst aus den Reihen vieler Pazifisten-Parteien die deutsche Position in der Luft zerrissen wurde.
    Mir scheint als sei es absolut egal, was eine Regierung macht: die Opposition wird deren Entscheidungen immer missbilligen, auch wenn die Opposition in der selben Situation (mit Regierungsverantwortung) wahrscheinlich die selbe Entscheidung getroffen hätte. Richtig zum kotzen und allein mit Wahlkampf zu begründen...

  • Ja, eindeutig! Und das wird kosten, nicht nur ihn, sondern auch ganze Länder werden dadurch "bestraft". Wenn aber zum Schluß die Bundesrepublik den Westerwelle los wird, war es das wert.

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