Im Auslandsvergleich hinken deutsche Schüler hinterher
Das Kreuz mit den Naturwissenschaften

Je älter deutsche Schüler sind, desto geringer ist ihr Interesse an Naturwissenschaften – das ist das niederschmetternde Ergebnis zweier internationaler Vergleichsstudien. Einige Privatinitiativen mühen sich seither erfolgreich, Kinder für Experimente zu begeistern. Aber die Ursachen des deutschen Leids mit den Naturwissenschaften, vor allem die praxisfremden Lehrpläne, packt kaum einer an.

DÜSSELDORF. Am Ende der Grundschulzeit stehen Schüler Naturwissenschaften „insgesamt aufgeschlossen und interessiert gegenüber“, heißt es in der Internationalen Grundschul-Lese- Untersuchung (Iglu), die Schülerleistungen am Ende der vierten Klasse international vergleicht. Für 15-Jährige fällt das Zeugnis der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) auch zwei Jahre nach „Pisa“ schlechter aus. Andreas Schleicher, Internationaler Koordinator der OECD-Studie „Bildung auf einen Blick“, klagt, „nicht nur die mathematischen und naturwissenschaftlichen Leistungen 15-jähriger Schüler sind unterdurchschnittlich“. Auch ihre Motivation, sich mit Mathematik oder Naturwissenschaften zu befassen, ließe „viel zu wünschen übrig“. Nur die Hälfte der 15-Jährigen hielten „Mathematik für sich persönlich wichtig“. Laut Schleicher liege das „möglicherweise daran, dass Naturwissenschaften in Deutschland nicht fächerübergreifend und mit zu geringem Praxisbezug unterrichtet werden“ – anders als im Sachunterricht der Grundschulen.

„Leuchtet eine mit einer Taschenlampenbatterie verdrahtete Glühbirne, die zudem mit einem Nagel verbunden ist?“ lautete eine Frage der Iglu-Studie an die Grundschüler. Solch ein triviales Experiment begrüßt auch die Physikerin Irmgard Heber, die bei der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) den Arbeitskreis Schule leitet. So könne die Begeisterung junger Schüler geweckt werden.

Dass die nach der Grundschule wieder gedämpft wird, wundert Heber nicht: „In den meisten Bundesländern wird in der fünften und sechsten Klasse weder Physik noch Chemie unterrichtet.“ Und um bei 13- oder 14-Jährigen nach ein paar Jahren Pause das Interesse an Naturwissenschaften wieder zu wecken, brauche ein Lehrer „sehr viel Geduld und Einfallsreichtum“. Diese „Lücke“ versuchen manche Länder zu schließen – Baden-Württemberg führte das Unterrichtsfach „Naturphänome“ in den fünften und sechsten Klassen ein, Bayern „Natur und Technik“. Das Bundesbildungsministerium will 2004 mit einem „Jahr der Technik“ Freude an den Naturwissenschaften wecken.

Amerika oder Finnland sind laut Schleicher weiter: Dort werde an weiterführenden Schulen etwa „Lifescience“ gelehrt, eine Verbindung aus Biologie und Chemie. Den deutschen Lehrern gibt er dabei nicht die Schuld: Ein Physiklehrer müsse „seine Schulstunden halten und sich nicht darum kümmern, fächerübergreifende Unterrichtspläne zu erstellen“. Er kritisiert Bildungspolitiker und „all jene, die die in Deutschland sehr inhaltsbezogen ausgerichteten Lehrpläne erstellen“.

Laut OECD-Studie setzt sich der negative Trend an den Hochschulen fort: Nur etwa 2 % einer Altersgruppe schließen in Deutschland ein Studium der Mathematik, Naturwissenschaften, Biowissenschaften oder Informatik erfolgreich ab. Diese Zahl hat auch Wissenschaftler und Privatleute geweckt: Mitte 2002 gründeten eine Chemikerin und eine Diplom-Kauffrau, beide selbst Mütter, „Science-Lab“ in München. Sie führen Kinder zwischen vier und zehn Jahren spielerisch an Naturwissenschaften heran, bilden Kursleiter aus und ermöglichen ihnen, Franchise-Unternehmen zu gründen. Mit dem Deutschen Museum veranstalten sie Experimentierwerkstätten. Den naturwissenschaftlichen Teil des Bildungsplans für Bayerns Kindergärten hat Science-Lab miterarbeitet.

„Auch die DPG ist durch Pisa hellhörig geworden“, sagt Heber. Seit drei Jahren widmet sie dem Thema Schule ein eigenes Vorstandsamt und stärkt den Austausch von Fachleitern, Hochschullehrern und Fachdidaktikern. Ihre „Saturday Morning Physics“ an der Technischen Universität in Darmstadt lockt Oberstufenschüler sogar am Wochenende in den Physik-Hörsaal. „Die große Resonanz stimmt uns hoffnungsvoll“, meint Heber.

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