Im Gespräch: Henning Kagermann
„Der Nachwuchsmangel ist gravierend“

Der scheidende SAP-Chef Henning Kagermann übernimmt als Präsident die deutsche Akademie der Technikwissenschaften (Acatech). Im Handelsblatt-Interview spricht er darüber, wie Wissenschaft und Wirtschaft besser verzahnt werden können - und über die Technikferne der Deutschen.
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Herr Kagermann, alle reden von der Krise – keiner von Innovationen.

Wir brauchen gerade jetzt eine Zukunftsdebatte: Was müssen wir tun, damit wir gestärkt aus der Krise rauskommen? Wir brauchen Visionen für die nächsten fünf Jahre. Stehen wir dazu, das wir X Prozent Wachstum brauchen - das ist eine berechtigte Diskussion - und wenn ja, woher soll es kommen?

Was muss die Regierung tun?

Es gibt erfolgreiche Ansätze: die Exzellenzinitiative, die IT-Gipfel, die High-tech-Strategie. Das kann die Regierung hervorheben, aber sie muss sich gleichzeitig verpflichten, solche Initiativen nachhaltig zu fördern und dabei das Tempo zu erhöhen. Zum Beispiel indem sie mit den Ländern das 18-Milliarden-Paket für die Forschung und die Hochschulen auf den Weg bringt.

Ist der Nachwuchs das größte Problem des Innovationsstandorts D?

Der Nachwuchsmangel ist gravierend: 2020 könnten uns mehr als 200 000 Ingenieure fehlen. Hier gegenzusteuern, ist einer von drei entscheidenden Faktoren für den Innovationsstandort. Daneben ist entscheidend, dass die Gesellschaft der Technik gegenüber aufgeschlossen ist. Die Deutschen sind heute zwar nicht technikfeindlich, aber sie sind technikfern. Der dritte Faktor ist die bessere Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft. Bei Nano- und Gentechnik waren wir mal ganz weit vorn, nun könnten wir auch bei der Solartechnik unseren Vorsprung verlieren. Hier will auch acatech helfen, Forscher und Unternehmen enger zusammenzubringen.

Auch an Sie die Million-Euro-Frage: Wie wecken wir das Interesse der Jugend an Technik?

Wir müssen früh anfangen, schon im Kindergarten; Kinder sind von Natur aus neugierig und experimentierfreudig. Aber die Kleinen kommen erst in 20 Jahren auf den Arbeitsmarkt. Kurzfristig müssen wir daher in den Gymnasien und vor allem in den Universitäten ansetzen und ganz schnell die hohen Abbrecherquoten von bis zu 30 Prozent reduzieren. Das kann nicht allein daran liegen, dass die Studenten nicht gut genug sind. Viele Professoren der Ingenieurwissenschaften prüfen Studenten raus - das habe ich selbst lange genug an der Uni gesehen. Wenn wir hier ansetzen, haben wir schon einen Teil unseres Ingenieurmangels gelöst. Außerdem liefern sich Physiker, Ingenieure und Mathematiker einen Wettbewerb, um das Studium immer noch theoretischer zu machen. Wir brauchen aber viele Leute mit eher praktischen Fähigkeiten. Deshalb müssen die Hochschulen mehr differenzieren. Es ist daher auch nicht einzusehen, dass die Fachhochschulen krampfhaft versuchen, sich den Universitäten anzugleichen. Das ist kontraproduktiv.

Was kann die Wirtschaft zusätzlich tun?

Unternehmen können mehr Praktika anbieten und frühzeitig in den Hochschulen werben, durch Stipendien und die Förderung von Doktorarbeiten.

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