Im Gespräch mit: Ursula von der Leyen
„Einige Unternehmer schlafen noch auf den Bäumen“

Erzwingen lässt sich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf aber nicht, sagt Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen. Im Gespräch mit dem Handelsblatt spricht sie über familienpolitische Trendsetter in der Wirtschaft und den hilfreichen Blick auf die USA.

Vier von fünf Deutschen finden, Betriebe müssten viel mehr tun, um Eltern zu unterstützen.

Deutschland ist in Mittel- und Nordeuropa Schlusslicht bei der Müttererwerbstätigkeit. Zugleich will eine Mehrheit der nicht erwerbstätigen Mütter arbeiten – aber nicht um jeden Preis. Hier liegt der Hase im Pfeffer. Junge Mütter wollen Karrierechancen, aber auch flexible Arbeitszeiten und Zeit für ihre Kinder. Genauso übrigens wie immer mehr junge Väter.

Hat die Wirtschaft – trotz Facharbeitermangel – die Zeichen der Zeit nicht erkannt?

Ich erlebe eine Wirtschaft der zwei Geschwindigkeiten. Einige schlafen noch auf den Bäumen, aber es gibt hochinnovative, hellwache Unternehmen, die konsequent mit mir für eine bessere Vereinbarkeit arbeiten – mit Betriebskitas, flexiblen Arbeitszeiten, Vertrauensarbeitszeiten oder Laptop-Arbeitsplätzen. In unserem Unternehmensnetzwerk, das sich ausschließlich mit diesem Thema beschäftigt, machen schon mehr als 1 800 Unternehmen mit – das ist einmalig auf der Welt. Aber wir dürfen uns nicht zurücklehnen. Fachkräfte gehen aus Regionen weg, oder ziehen erst gar nicht in Regionen, wenn sie dort mit ihren Partnern und Kindern dort nicht gut arbeiten und leben können.

Daimler richtet bis 2009 an allen deutschen Standorten Betriebskitas für unter Dreijährige ein. Gehen die Konzerne voran?

Es gibt Trendsetter bei den großen Betrieben wie im Mittelstand. Entscheidend ist, ob die Unternehmensspitze meint, „das hatten wir noch nie, wo kommen wir denn da hin“, oder ob sie verstanden hat, dass Fachkräfte männlich und weiblich sind, Kinder bekommen und gute Zeit mit ihnen verbringen wollen. Die jungen Väter, von denen heute schon 16 Prozent Elternzeit nehmen, sind Fachkräfte, die später in Führungspositionen rutschen. Sie lösen einen Trend aus, der nicht mehr zu stoppen ist. Gott sei Dank. Der schönste Kindergarten und die tollste Ganztagsschule nützt nichts bei einem Arbeitgeber, der Kinder für Gedöns hält und typischerweise Mütter für nicht förderungsfähig.

Sie fördern Betriebskindergärten mit EU-Mitteln. Ist das nötig? Rechnet sich das sonst nicht?

Eine bessere Vereinbarkeit als Management-Philosophie rechnet sich immer: geringere Fluktuation und Einarbeitungskosten, höhere Loyalität, höhere Produktivität. Ich unterstütze all die Unternehmen, die sich auf den richtigen Weg machen. Auch der EU liegt enorm daran, dass Deutschland aufholt und das Angebot bei den unter Dreijährigen schnell von bundesweit 15 auf durchschnittlich 35 Prozent erhöht. Dazu brauchen wir die Wirtschaft. Und: Wettbewerb steigert immer auch die Qualität. Deshalb geben wir zwei Jahre lang 6 000 Euro pro Platz und Kind dazu.

Seite 1:

„Einige Unternehmer schlafen noch auf den Bäumen“

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%